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Regionalpartnerschaft mit Shenzhen

Lust auf Chinesisch?

Klaus Strienz, ein u.a. im internationalen Austausch ausgesprochen aktiver und erfolgreicher Lehrer am Gymnasium Höchstadt / Aisch hat im März 2009 Matthias Kaufmann, seinen ehemaligen Schüler, der gegenwärtig in Hong Kong studiert, zur Rolle der chinesischen Sprache an Schulen sowie zur Bedeutung Chinas insgesamt befragt. Herausgekommen ist ein wirklich fundierter Überblick, der hier im Wortlaut wiedergegeben wird.

Das Thema Chinesisch-Unterricht an Gymnasien liegt mir selbst außerordentlich am Herzen - danke, dass Sie sich an mich wenden. Ich hoffe, ich kann Ihnen mit meinen Erfahrungen als Student der Ostasienwissenschaften (Schwerpunkt Moderne Sinologie), sowie der Geschichts- und Politikwissenschaften bei dem Thema ein wenig weiterhelfen.

Ich bin begeistert zu hören, dass Chinesisch langsam auf der gymnasialen Unterrichts-Agenda anzukommen scheint. Endlich, möchte ich fast sagen.

Dass angesichts des beispiellosen (Wieder-)Aufstiegs Chinas eine in größerer gesellschaftlicher Breite angelegte, fundierte Auseinandersetzung mit diesem neuen globalen Zentrum mehr als notwendig wird - besonders für eine Exportnation wie Deutschland -, ist wohl jedem, der mit offenen Augen das Weltgeschehen verfolgt, offenkundig.

                            Bildungsbörse (c) Konfuzius-Institut

Die Chinesische Sprache entwickelt sich seit ein paar Jahren zu einer Lingua Franca des gesamten Ost- und Südostasiatischen Raums - und wird somit ein wichtiger Schlüssel für die Kommunikation mit dieser dynamisch aufsteigenden Weltregion. Chinesisch wird immer mehr eine globale Sprache: Es wird nicht mehr lange dauern, bis Chinesisch hinter Englisch die zweitwichtigste Sprache im WWW wird. Deutschland ist Chinas wichtigster Wirtschaftspartner in Europa, und die gegenseitige wirtschaftliche Abhängigkeit ist schon heute eklatant, - und das wird sich wohl noch deutlich verstärken. Sie kennen die Argumente ja selbst.

Bitte gestatten Sie mir einen kleinen Exkurs:

Seit fünfhundert Jahren dominiert "der Westen" das Weltgeschehen. Das multipolare, globalisierte 21. Jahrhundert wird jedoch voraussichtlich alles andere sein, als ein weiteres bequem vom Westen dominiertes. Viele Globalhistoriker argumentieren, wir befänden uns momentan in einer historischen Zeitenwende hin zu einer Weltordnung in der zum ersten Mal die verschiedenen kulturell dominierten Weltregionen auf Augenhöhe und "in Echtzeit" interagieren.

Angesichts dieser Tatsachen halte ich es für absolut notwendig, dass der in bayerischen Lehrplänen mir unbegreiflicherweise immer noch vorherrschende eklatant obsolete Eurozentrismus endlich einer zeitgemäßen Sicht auf die Welt von heute (und morgen) weicht. Meiner Meinung nach sollten sämtliche Lehrpläne der geistes- und gesellschaftswissenschaftlichen Fächer des gymnasialen Unterrichtskanons diesen Entwicklungen Rechnung tragen und das in ihnen bisher vermittelte Weltbild hinterfragen. Mir wurde erst während meines Studiums klar, welche allein auf Europa und "den Westen" orientierte, verzerrte Weltwahrnehmung mir in den Fächern Geschichte, Englisch, Religion, Musik, Sozialkunde, Wirtschaft und ja, (mit gewissen Einschränkungen) durchaus auch in Geographie gelehrt wurde.

Besonders Deutschland als exportorientierte Volkswirtschaft - und an diesem Punkt will ich Ihnen ausdrücklich widersprechen - wird sich nicht mehr erlauben können, nur ein paar wenige Globalisierungs- und Asienexperten in hochspezialisierten Universitätsstudien mit diesen Fragen zu konfrontieren. Die Vermittlung einer adäquaten Wahrnehmung der multipolaren und globalisierten Realitäten unserer Zeit sollte vielmehr zentraler Bestandteil eines neuen allgemeinen Bildungskanons an deutschen und europäischen Gymnasien werden. Nur so können meiner Meinung nach die zukünftigen Generationen unserer gesellschaftlichen Führung in ganzer Breite für die Herausforderungen unserer Zeit sensibilisiert werden und als mündige und verantwortungsbewusste Bürger des freien und demokratischen Westens von der Schule in ein in immer stärkeren Maße globalisiertes Leben entlassen werden.

                              (c) Konfuzius-Institut

Das Erlernen einer außereuropäischen Sprache halte ich dabei für absolut essentiell. Nur so können die psycho-linguistisch bedingten Verständnisgrenzen zwischen den so verschiedenen Kulturen überwunden werden und ein respektvoller und konstruktiver Dialog entstehen. Ich denke hierbei natürlich vor allem an Ostasien und "den Westen"; ganz ähnlich verhält es sich aber auch schon in näherer Umgebung: Warum nicht Türkisch als dritte Fremdsprache unterrichten oder Arabisch? Ein friedliches Miteinander ist nur in gegenseitigem Respekt möglich, und dieser setzt Wissen über das Gegenüber voraus. Ich würde mir da deutlich mehr Vielfalt wünschen.

Da Chinesisch wohl sehr wahrscheinlich die wichtigste außereuropäischen Sprache des begonnenen Jahrhunderts wird, ist es natürlich naheliegend hier anzufangen, den kulturell engstirnigen Horizont des gymnasialen Syllabus ein wenig zu öffnen.

Nun also endlich zu ihren konkreten Fragen: Entschuldigen Sie bitte meine langen Ausführungen. Sie merken, wie wichtig mir dieses Thema ist.

Ich bin davon überzeugt, dass sich Chinesisch gut am Gymnasium als dritte Fremdsprache unterrichten ließe, und dass drei bis vier Stunden dafür wohl auch ausreichend sein könnten. Allerdings muss man natürlich darauf hinweisen, dass Chinesisch in sehr viel höherem Maße als das Erlernen einer weiteren (west- oder süd-)europäischen Sprache persönlichen Einsatz verlangt. Um ein relativ vorzeigbares Niveau erreichen zu können, müssten die Schüler, die sich für Chinesisch entscheiden, deutlich mehr und härter arbeiten als ihre Jahrgangsstufenkameraden, die sich für eine europäische Sprache entschieden haben - sofern es nicht gerade Russisch oder Finnisch ist, aber die stehen wohl kaum zur Debatte... Dies können nur Schüler leisten, die Fremdsprachen leicht und gerne lernen. Das haben ja auch die bisherigen Erfahrungen gezeigt, die Sie in Ihrem mir als Anhang zugesendeten Bericht zitieren. Sollte man also eine Chinesisch-Klasse einrichten, würde ich mich vehement für eine Zulassungsbeschränkung und ein Auswahlverfahren aussprechen. Nur solche Schüler, die in anderen (modernen) Fremdsprachen mindestens die Leistung "gut" erreicht haben und wirklich motiviert sind, sollten zugelassen werden. Jemand, der sich schon mit dem für Deutsche doch wirklich relativ einfach zu erlernenden Englisch hart tut, wird mit Chinesisch höchstwahrscheinlich Schiffbruch erleiden. Jemandem, der bei aller Begabung kein wirkliches Interesse am Erlernen der chinesischen Sprache zeigt, wird es ähnlich ergehen.

Der Sprachunterricht ließe sich angesichts der geringen Stundenzahlen wohl kaum mit dringend zu empfehlender Landeskunde verbinden. Das müssten die anderen von mit aufgezählten Fächer leisten, am besten natürlich in gemeinschaftlich koordinierten Projekten. Auch Wahlunterricht wäre hier wohl eine Option; die wirklich interessierten Sprachlernenden werden auch diesen Kurs besuchen.

Von reinen Wahlkursen für das Chinesisch-Lernen halte ich an und für sich nicht so viel, auch wenn diese sicherlich schon den Schulalltag um eine neue Dimension der interkulturellen Auseinandersetzung bereichern könnten. Eine ostasiatische Sprache zu erlernen ist eine immense Herausforderung, und das gilt in besonderem Maße für die Sprache mit dem komplexesten Schriftsystem, was die Welt je hervorgebracht hat. Ohne Druck und regelmäßige Betreuung durch gut ausgebildete Lehrer sind da die meisten verloren.

Gibt es konkrete Bestrebungen in Höchstadt das Chinesisch-Experiment zu wagen? Sollte das der Fall sein, wäre ich, sollte Interesse bestehen, gerne bereit, meine bisherigen Erfahrungen mit dem Spracherwerb - z.B. in Form eines kleinen Vortrages – vorzustellen, natürlich vorausgesetzt, dass ich im Lande sein sollte. Ich bewerbe mich zur Zeit für diverse Master-Programme in Internationalen Beziehungen und werde wahrscheinlich das nächste Studienjahr in Frankreich oder England verbringen.

Ich hoffe, ich konnte Ihnen ein wenig weiterhelfen.

Beste Grüße aus Hong Kong,

Ihr Matthias Kaufmann

02.04.2014
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