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Stoke-on-Trent

Stoke-on-Trent reloaded

Es war eine Stippvisite, ein erster Erkundungsbesuch, den vom Sonntag, den 11. Juli, bis Dienstag, den 13. Juli 2010 Rachel Nicholson und Andrew Briggs aus Stoke-on-Trent der Partnerstadt Erlangen abstatteten. Mehr noch: Die Reise wurde von Monat zu Monat verschoben wegen der Aschewolke über Europa, wegen terminlicher Probleme. Aber was zählt das alles?! Hauptsache die Gäste sind überhaupt gekommen und konnten sich ein Bild von den Möglichkeiten für eine wieder engere Zusammenarbeit machen.

        Stock Stadt

In den letzten vier Jahren ist ja leider nicht mehr viel passiert. Nicht einmal das 20jährige Jubiläum der Städtefreundschaft wurde 2009 gefeiert. Die politischen Verhältnisse und personelle Veränderungen in der Stadtverwaltung bis hin zur faktischen Auflösung des Partnerschaftsvereins in Stoke-on-Trent hinterließen ihre Spuren. Doch mit der Einladung zur Hundertjahrfeier der Begründung des Städtebundes Stoke-on-Trent Ende März, Anfang April 2010, die der Partnerschaftsbeauftragte, Peter Steger, annehmen durfte, kam der Wendepunkt. Offizielle aller Ebenen zeigten lebhaftes Interesse an einem Neustart, und der Besuch der beiden Emissäre wird nun hoffentlich ein übriges tun, um die gemeinsame Sache wieder in Gang zu bringen.

Stock Hahlweg

Begonnen hatte der Besuch am Sonntag mit einem Abendessen, das Altoberbürgermeister Dietmar Hahlweg gab. Nicht von ungefähr, denn er hatte 1989 die Partnerschaft aus der Taufe gehoben und ist Ehrenbürger von Stoke-on-Trent, ein „Freeman“, dem nicht nur, wie Andrew Briggs scherzt, in der Partnerstadt alles frei- und offensteht, sondern der natürlich auch gerne die Gäste freihält. Und bestens unterhält mit all seinen Erinnerungen an die einst so fruchtbaren Kontakte, für deren Neubelebung er gerne die Schirmherrschaft übernähme. Besonders, wenn Stoke-on-Trent tatsächlich seinen Anspruch, Englands Radfahrer-Hauptstadt zu werden mit Erlanger Begleitung Wirklichkeit werden lassen will. Ein ganzes Netz an Erfahrungen stünde da bereit, abrufbereit, ein weites Feld für die Zusammenarbeit.

      Stock Bus

Rachel Nicholson ist bisher „nur“ für EU-Projekte im Rahmen der Kooperation mit Keramikstädten von Spanien und Italien über Frankreich bis nach Deutschland (Selb) zuständig, begreift aber die Verbindung zu Erlangen schon jetzt als große Chance für ihre Stadt. Ebenso ihr Chef, Andrew Briggs, Leiter des Stadtentwicklungsbüros, der weit über den Tellerrand der Potteries hinaussieht und eine enge Kooperation mit Erlangen auf allen Ebenen anstrebt. So denn die Lokalpolitik zuhause dazu ihren Segen gibt.

Stock IFA

Am Montag beginnt der Besuch bereits um 8.30 Uhr im Institut für Fremdsprachen und Auslandskunde, einem nachgerade klassischen Partner für die Zusammenarbeit, zumal dessen Leiter, Frank Gillard, selbst Brite ist. Doch dem Institut fehlt das Gegenstück in Stoke-on-Trent. Lange Jahre hatte man mit der Universität in Keele kooperiert, doch seit einigen Jahren wird dort Deutsch als Fach nicht mehr angeboten, und damit ist der Austausch natürlich eine einseitige und eher unerquickliche Sache. Aber man ist findig und überlegt sich, ob es nicht möglich wäre, in Erlangen etwa Informationsmaterial für Ausstellungen des Museums ins Deutsche zu übersetzen. Denkbar sind auch Praktika für Erlanger Studierende. Der Wille ist da, der Weg wird sich noch finden.

Ähnlich sieht es beim Anschlußtermin in der Anglistik der Friedrich-Alexander-Universität aus. Dozent Michael Klotz will nicht klagen, aber auch er hat schon bessere Zeiten in der Zusammenarbeit mit Stoke-on-Trent gesehen. Er sähe gerne einmal Studenten aus der Partnerstadt in seinen Veranstaltungen. Oder warum nicht einmal auch einen Dozentenaustausch? Alles (wieder) möglich. Aber es wird wohl noch dauern, bis erneut eine gemeinsame Arbeitsbasis geschaffen ist. Mehr als erste Fäden knüpfen können die Gäste beim besten Willen nicht.

Den Vormittag schließt ein Besuch bei der Siemens AG ab, zustandegekommen auf den ausdrücklichen Wunsch der Gäste. Innovation und Hochtechnologie sollen nämlich Stoke-on-Trent beim Strukturwandel helfen und herausführen aus einer eindimensional auf Kohle, Ton und Keramik ausgerichteten Infrastruktur und Industrielandschaft. Die Siemens AG ist mit einem Projekt aus dem Bereich Windkraft bereits auf dem Campus der University of Keele vertreten. Nun soll geprüft werden, inwieweit der Konzern auch auf den Feldern der Medizintechnik und des Klimaschutzes in Stoke-on-Trent tätig werden könnte, denn gerade hier sehen die Briten ein großes Zukunftspotential in ihrer Stadt. Ob die Siemens AG diese Einschätzung teilt, werden weitere Gegenbesuche und noch viele Gespräche ergeben.

       Stock Preuß

Die Hitze ist groß in diesen Tagen in Erlangen. Das Programm ist auch ohne das Zutun des Wetters schweißtreibend. Da tut eine kleine Ruhepause zum Mittagessen mit Bürgermeisterin Elisabeth Preuß gut. Doch wer sie kennt, weiß, daß sie sich nicht lange beim Thema Wetter aufhält. Die promovierte Biologin, im Rathaus u.a. zuständig für das Soziale, kennt die englische Partnerstadt bereits von zwei Besuchen und hat gute Kenntnis von dortigen Sozialprojekten. Da liegt es nahe, an alte Verbindungen anzuknüpfen und zu sehen, wie man etwa auf dem Gebiet der Jugendarbeitslosigkeit voneinander lernen könnte. Gerade auch vor dem Hintergrund, daß die Bevölkerungsstruktur beider Städte recht unterschiedlich ist. „Vielleicht ist es ja sogar die Gegensätzlichkeit, die uns füreinander interessant macht“, meint Elisabeth Preuß dazu.

Stock Schule

Keine Zeit für eine Pause, da mag die Sonne noch so brennen. Um 15.00 Uhr erwartet Claus Güllich, Direktor der Werner-von-Siemens-Realschule, die Gäste in seinem verdunkelten Büro. Sein größter Wunsch wäre ein Schüleraustausch. Eigentlich so naheliegend. Wenn man bedenkt, daß es mit dem türkischen Besiktas und dem russischen Wladimir je drei Schulpartnerschaften gibt, obwohl keine Erlanger Schule die Landessprachen im Lehrprogramm hat, verwundert es schon, wenn keine einzige weiterführende Schule Kontakte zu Stoke-on-Trent hat, obwohl doch das Englische als Fremdsprache Nr. 1 allüberall unterrichtet wird.

Zwar kann man wieder einwenden – bedauerlich genug -, in Stoke-on-Trent gebe es keine einzige Schule mit Deutsch als Fremdsprache. Schlimmer noch: Die neue Regierung verpflichtet die Schulen nicht einmal mehr, Fremdsprachen zu unterrichten. Dennoch, so Claus Güllich, wären Begegnungen für beide Seiten von Nutzen. Seine Schule könnte zum Beispiel Kooperationen mit der Siemens AG oder wissenschaftlichen Instituten anbieten. Englisch sei da ohnehin die Lingua franca. Und seinen Schülern sei schließlich vor allem daran gelegen, mit Muttersprachlern in Kontakt zu kommen. Hier, am Schüleraustausch, wird sich die Partnerschaft beweisen, wird sie Farbe bekennen müssen. Dazu freilich ist Interesse und Bereitschaft auf der englischen Seite vonnöten.

Stock Elisabeth

Vor ihrer Fraktionssitzung treffen sich am späteren Abend die beiden SPD-Stadträtinnen Felicitas Traub-Eichhorn und Elizabeth Rossiter mit den Besuchern. Beide Lokalpolitikerinnen haben einen großen Erfahrungsschatz und viel Kompetenz im Austausch, erstere als Englischlehrerin am Albert-Schweitzer-Gymnasium, das u.a. Kontakte mit einer Schule aus dem amerikanischen Greater Richmond District und neuerdings mit Riverside in Kalifornien pflegt, letztere als gebürtige Irin und vermittelnde Wanderin zwischen den Kulturen. Wenn man Rachel und Andrew noch hätte überzeugen müssen, spätestens hier hätten sie begriffen, für wie wichtig man in Erlangen die internationalen Beziehungen hält und welch große Bedeutung man der Partnerschaft mit Stoke-on-Trent beimißt. Da gibt es nichts zu übertreiben, und da sprechen die beiden Lokalpolitikerinnen zweifelsohne parteiübergreifend für den ganzen Stadtrat und die Bevölkerung. Und dann ist da noch Margrit Vollertsen-Diewerge, deren Märchenbuch Peter Steger schon im Frühjahr als Andruck nach Stoke-on-Trent gebracht hatte. Nun kann die Autorin ihr Werk, geschaffen mit Schülern aus der Partnerstadt, vermittelt von Elizabeth Rossiter, den Besuchern überreichen und darum bitten, sich um die Verbreitung des Bandes vor Ort zu kümmern.

Es sei hier dezent verschwiegen wie viel oder besser wie wenig Freizeit blieb bis zum Abendessen mit Cornelia Betz, ebenfalls Partnerschaftsbeauftragte und Koordinatorin der EU-Projekte. Ihr liegt besonders am Herzen, das Programm „Move together“ wieder zum Laufen zu bringen, bei dem sozial benachteiligte Jugendliche aus Erlangens europäischen Partnerstädten zusammengebracht werden. Doch ohne Stoke-on-Trent geht das nicht. Ob es mit Stoke-on-Trent geht, müssen Rachel Nicholson und Andrew Briggs erst noch klären. Jammerschade wäre es, wenn diese erfolgreiche Projektarbeit, in die auch Jena und Wladimir eingebunden ist, aufgegeben werden müßte.

Stock IZMP

Es bleibt nur noch ein Vormittag, und der ist weitgehend reserviert für das IZMP, wo Marco Wendel sich ganze zwei Stunden für die Darstellung des Gründerzentrums nahm. Auch er kennt Stoke-on-Trent bereits von einem Besuch und kann sich in den verschiedensten Bereichen Kontakte vorstellen, zumal viele kleinere Firmen Interesse haben, in England Markterfahrungen zu machen. Im nächsten Schritt wird nun Stoke-on-Trent wohl ein Team von Fachleuten schicken, um konkrete Projektideen zu diskutieren. Wegen der Neuausrichtung der englischen Partnerstadt auf Hochtechnologie sind hier greifbare Erfolge schon in absehbarer Zeit vorstellbar.

Uli Lynn, Englisch-Dozentin an der VHS, ist etwas schier Unglaubliches gelungen. Sie schafft es ohne jede Unterstützung aus der Verwaltung über private Kontakte Jahr für Jahr einen Höreraustausch zu organisieren, reist auch in dem Herbst wieder mit einer Gruppe nach Stoke-on-Trent und erwartet 2011 den Gegenbesuch. Es geht also doch! Wie sie das macht, verrät Uli Lynn den Gästen beim Mittagessen als späte Morgengabe der Partnerschaft und als Vermächtnis für die Zukunft.

Es war anstrengend, aber der Schweiß der Tüchtigen ist sicher nicht umsonst geflossen. Auch wenn die neue Regierung in London wieder mehr auf Distanz zu Europa geht, an einer engeren Zusammenarbeit führt kein Weg vorbei. Und den wollen Rachel und Andrew ebnen helfen. Das sagen sie auch den Erlanger Nachrichten, die sie vor dem Mittagessen noch zu einem Gespräch besuchen, das sagen sie zu allen ihren Gastgebern, und das meinen sie so, wie sie es sagen, bevor sie Wolfram Howein mit seinem Wagen nach Selb bringt, wo für die beiden ihr eigentliches Arbeitsprogramm im Rahmen des EU-Projekts der Keramikstädte beginnt. Noch ist Erlangen nicht erste Wahl für Stoke-on-Trent – nur die erste Station. Aber eine Partnerschaft ist etwas anderes, als ein Projekt. Sie hat keine Endstation. Die Fahrt geht weiter, solange das beide Seiten wollen, auch wenn es einmal stockt, wenn das Wortspiel mit Stoke erlaubt ist. "We will keep on moving", ist da Rachel Nicholsons Motto.

P.S., 14.07.2010

22.08.2010
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