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Stoke-on-Trent

Willkommen in Stoke-on-Trent

Während von Tottenham ausgehend die Gewalt schreckliche Urstände feiert und der gesellschaftliche Zusammenhalt Großbritanniens verlorenzugehen droht, scheint in Stoke-on-Trent die Welt noch in Ordnung zu sein, - soweit sie das jemals war.

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Rasch zu erreichen ist diese Partnerstadt, von der man über Jahre hinweg in Erlangen leider kaum etwas zu hören und zu sehen bekam, wenn man sich noch zu nachtschlafender Zeit auf den Weg nach München macht, um gegen 6.30 Uhr bei der Zwischenlandung der Singapore Airlines in München dazuzusteigen und nach Manchester zu fliegen. Dort ist entgegen allen Katastrophenmeldungen über den öffentlichen Nah- und Fernverkehr auf Englands Schienen, die man aus den Medien kennt, ein so guter Anschluß gegeben, daß man schon gegen 9.40 Uhr – mit einmaligem Umsteigen auf Manchester Piccadilly – am Zielort ist. Alles „on time“, alles ohne Hetze, alles immer mit freundlichen Hinweisen des Personals und alles für gerade einmal £ 17.

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Wenn man angemeldet ist, wird man zuverlässig abgeholt und ins Hotel gebracht – von Karen Tsang, der neuen Partnerschaftsbeauftragten, der noch ein Loblied zu singen ist. Man sollte aber, wenn man diese Variante der Anreise wählt, entweder einen frühen Gesprächstermin einplanen oder Lust mitbringen, sich noch in den Trentham Gardens, die mit ihren italienischen Gärten im Vorjahr 2,5 Million Besucher anlockten, gegenüber vom Hotel Premier Inn gelegen, die Beine zu vertreten, denn das Zimmer kann man frühestens gegen 12.00 Uhr beziehen. Doch wir sind längst schon mitten im Geschehen.

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Christine Suter gehört sicher zu den Menschen, die in der Vergangenheit eine wichtige Rolle in der Partnerschaft gespielt hat, die aber auch noch viel vorhat und vor Ideen nur so sprudelt. Aus ihr heraus sprudelt es übrigens in einem Wechselspiel aus Deutsch mit kaum hörbarem Schweizer Einschlag und gepflegtem Englisch, weit entfernt von dem für Stoke so landestypischen Akzent mit seinen verschliffenen Vokalen, an den sich zu gewöhnen einige Übung und etwas Zeit braucht. Schon 1970 hatte sie ihren späteren Mann in Bristol beim Deutsch- und Französischstudium kennengelernt, später haben beide in der Schweiz Englisch unterrichtet. Es folgten die drei Söhne, einer unterschiedlicher als der andere und doch alle verbunden durch ihre Deutschkenntnisse, dann die Rückkehr nach England, Unterricht von Deutsch und Englisch an Schulen und schließlich in der Erwachsenenbildung. Doch gerade da ist seit ein paar Jahren die Luft endgültig raus. Niemand will sich mehr der Tortur unterziehen, Deutsch zu lernen, wo doch die Deutschen (fast) alle – more or less - Englisch sprechen oder das zumindest von sich glauben.

So freut sich Christine Suter, endlich einmal wieder Gelegenheit zu haben, einem Gast ihre Heimat in deutscher Sprache vorstellen zu können. Die perfekte Übung am Vorabend ihrer zweiwöchigen Reise in die Schweiz. In der Tat muß man schon lange warten und genau hinhören, um den einen oder anderen Schnitzer zu entdecken, den die Lehrerin übrigens gern korrigiert weiß.

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Während sie ihren geländegängigen Wagen schnittig durch die bezaubernd bukolische Landschaft im Norden von Stoke-on-Trent bis an die Grenze von Staffordshire und Cheshire steuert - übrigens gern auch über Straßen, die laut Warntafel für den Verkehr ungeeignet sind -, entsteht die Idee, bei ihr zu Hause in dem kleinen Ort Rushton Spencer, wo sie gut zwei bis drei Personen privat unterbringen könnte, einen Sommersprachkurs für Englisch anzubieten. Und dann gibt es da noch die Idee, bei einer Bürgerreise, die im nächsten Jahr unbedingt stattfinden sollte, die Reiseleitung zu übernehmen. Freilich, so meint sie, müsse sie da noch einige Geschichtsbücher wälzen, denn Namen und Gesichter könne sie sich gut merken, auch Geschichten, aber keine Fakten.

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Und so stehen denn einige der folgenden Angaben unter dem Motto und Vorbehalt „Se non è vero, è ben trovato.“ Da ist also dieser erratische Bahnhof, schon in den 60ern stillgelegt, wo früher die Milchzüge mit dem Ziel Manchester anhielten, dieser Streckenverlauf einer Bahn, auf dem entlang man hinaus in das satte Grün der Midlands gelangt. Da ist dieser Pub, einer von dreien, The Knot Inn, wo es eine Rhabarber-Nachspeise gibt, wegen der allein die Anreise vom 10 Meilen entfernten Stoke-on-Trent lohnt. Da ist aber vor allem diese Kirche, St. Lawrence, auf einem Hügel geduckt, deren Geschichte mindestens bis ins 14. Jahrhundert zurückreicht und auf deren Friedhof seit dem 16. Jahrhundert die Ahnen von Christine Suter ruhen – auf einem Gottesacker mit einem Blick in die Moorlands hinunter, der im Diesseits schon die Seligkeit erahnen läßt.

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Ein Grabstein übrigens blickt allein in die entgegengesetzte Richtung, gesetzt einem jungen Mann, der, wie es heißt, lebendig auf die Schnelle verscharrt wurde. Möglicherweise hatte ihn ein Apotheker vergiftet, dem nicht gefiel, daß Thomas Meakin, so hieß der Verblichene, seiner Tochter Avancen machte. Überliefert ist jedenfalls, wie das Pferd des Unglücklichen immer wieder zu dem nicht gekennzeichneten Grab kam und dort scharrte. Als Freunde dort gruben, fanden sie die Leiche mit dem Gesicht nach unten und bestatteten ihn bei St. Lawrence – mit dem Grabstein in die andere Richtung, nach Westen. 1781 war das.

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Und dann sind da noch die Gräber für dreizehn Kinder, alle von einer Mutter geboren, deren vierzehntes Kind als erstes und einziges überlebte, weil sie keine Milch mehr hatte und den Säugling einer Amme überantwortete. Offenbar die Muttermilch einen Stoff in sich, den die Kinder nicht vertrugen… Kommt man von Osten zu diesem erhebenden Ort, findet man rechter Hand auf den letzten Metern einen Handlauf, eigens angefertigt für eine alte Dame, die ohne diesen den Gang zum Grab ihrer Lieben nicht mehr hätte tun können, gern aber auch von anderen Besuchern genutzt beim Aufstieg.

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„Kirche in der Wildnis“ wird St. Lawrence gern genannt, abgelegen wie sie ist, inmitten von uralten Eiben und leider nicht immer geöffnet, weil schon öfter von Vandalen heimgesucht. Wer immer aber sich die Zeit nehmen kann, komme hierher und blicke hinab auf die Moorlands und hinüber zu den Bergrücken, die sich wie uralte Sagengestalten über das Land hinstrecken.

Wer sich schon immer gefragt hat, woher der Autor des Dschungelbuchs seinen seltsamen Vornamen hat, der findet in dieser Gegend eine mögliche Antwort. Hier nämlich, in Rudyard, ganz in der Nähe von Stoke, soll das Ehepaar Kipling einst seine Flitterwochen verbracht haben. Grund genug, den Sohn nach dem kleinen Ort zu benennen, ohne zu ahnen, daß beide es einmal zu Weltruhm bringen würde.

Nun, die Welt wollen wir nicht erobern, aber die Partnerschaft bietet auch genug Herausforderungen. Denen stellt sich schon in den nächsten Tagen ein Verwandter von Christine Suter, ihr Neffe, Jonathan Barber, der recht passabel Deutsch spricht und  Interesse an der Partnerschaft bekundet. Wie auch nicht bei der Tante! Wir dürfen uns jedenfalls auf einen Bericht seines Erlangenbesuchs freuen – und bald hoffentlich auch auf mehr Austausch auf allen Ebenen mit Stoke-on-Trent.

PS, 08.08.11

13.08.2011
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