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Stoke-on-Trent

Das alte Stoke gibt es nicht mehr

Stoke-on-Trent erfindet sich neu, verpflichtet sich dem Wandel und wendet sich wieder Erlangen zu – und will grün werden. Das jedenfalls ist das fest gesteckte Ziel von Nigel Barrett und David Dobson, von CoRE. Das Akronym steht für Centre of Refurbishment Excellence, also eine Exzellenzinitiative im Bereich der Gebäudesanierung. Stoke will beim Klimaschutz mit diesem Projekt ganz vorne dabei sein. Bis 2020 sollen ein Drittel und bis 2050 80% des CO2-Ausstosses  vermieden werden. CoRE will dafür die besten Anbieter von erneuerbaren Energien und Konzepten für Gebäudesanierung nach Stoke holen, um nicht mehr und nicht weniger als Englands Schaufenster für diese Technologien zu werden. Dazu braucht es die Jugend. Deshalb soll schon im Spätherbst das Gebäude auf dem Gebiet einer ehemaligen Töpferei eingeweiht werden, wo man Jugendlichen von 14 bis 19 Jahren in dem Metier schulen will. Gleichzeitig sollen dort die jeweils optimierten Verfahren und Materialien vorgestellt werden. Nachhaltig und auf die Zukunft gerichtet. Und das auf einem Gelände, das heruntergekommener nicht sein könnte und damit zugleich für den Aufbruch in eine neue Zeit steht.

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Das Zentrum ist ein Projekt der Stadtverwaltung, unterstützt mit dreieinhalb Millionen Pfund aus dem EU-Regionalentwicklungsfonds. 22 Millionen Häuser in Großbritannien sollten unter Klimaschutzgesichtspunkten saniert werden, 68.000 davon in Stoke-on-Trent. Kein Industrieland der westlichen Hemisphäre hat einen so großen Nachholbedarf in dem Bereich. Selbst wenn man ab sofort nur noch Passivhäuser bauen würde, so David Dobson, würde man die Klimaschutzziele verfehlen. Man muß also an die vorhandene Substanz ran. Und man braucht Partner, um den Green Deal umsetzen zu können. Mit Siemens wurden schon erste Gespräche geführt, nun sollen in Erlangen weitere mögliche Partner an Bord geholt werden. Alles, was in dem Metier Rang und Namen hat, ist willkommen, von Rehau bis Solar Millennium. Denn der Bedarf und damit auch der Markt sind riesig. Und Stoke könnte zum Zentrum für nachhaltige Gebäudesanierung werden. Was für ein Projekt – gemeinsam mit Erlanger Firmen und den Erfahrungen auch der Erlanger Stadtwerke oder etwa der Niersberger Unternehmensgruppe. Mehr zu CoRE unter: http://is.gd/keQFbc   

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Man muß sie gesehen haben, die Baustelle, um glauben zu können, daß das Objekt bis 2013 endgültig fertiggestellt sein soll. Moderne mit Industriegeschichte sollen da Hand in Hand gehen. Einer der vier noch bestehenden Brennöfen mit Schornstein wird als Museum eingerichtet, anstelle der baufälligen Gebäude entsteht der Schulkomplex mit seinen Ausstellungsflächen, ausgestattet mit der denkbar fortschrittlichsten Umwelttechnik. Tatsächlich ein Projekt von Landesmaßstab, ein Vorhaben, das in ganz Großbritannien einzigartig sein dürfte. Und das – nochmals sei es gesagt – in einer Umgebung, die längst aufgegeben schien. Vieles erinnert da an den Strukturwandel im Ruhrgebiet aber auch in Mitteldeutschland.

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Wie lange haben Erlanger Schulen vergeblich versucht, in Stoke Partner für den Austausch zu finden. Man hat es fast schon aufgegeben. Doch gemach! Es gibt jetzt das 6th Form College, ganz im Zentrum der Stadt, in unmittelbarer Nähe zum Bahnhof, das Fremdsprachen, darunter auch Deutsch, anbietet und für all das zu haben ist, wovon die Erlanger Englischlehrer schon lange geträumt haben. Ein Traum von Gebäude ist das nebenbei gesagt auch: Ausgelegt für fast 2.000 Schüler zwischen 16 und 17 Jahren, die hier eine freiwillige Orientierungsphase durchlaufen, bevor sie sich für einen Beruf oder ein Studium entscheiden, bietet die Schule das Modernste vom Modernen in einer lichtdurchfluteten und offenen Architektur, die staunen macht. Unterrichtet wird der gesamte Fächerkanon in kleinen Klassen, die einem Plan folgen, der dafür sorgt, daß nie alle Schüler gleichzeitig ankommen oder das Gebäude verlassen müssen. Besonderer Wert wird auf Musisches gelegt – und eben auf Sprachen. Für das Deutsche gibt es zwei Niveauebenen, genutzt von etwa 80 Schülern, mehr als genug, um einen Austausch zu beginnen. Ja, Stoke habe bisher wenig Wert auf die Fremdsprachen  gelegt, aber, so Helen Pegg, die Direktorin, das ändere sich jetzt. Für diesen Wandel mitverantwortlich sind natürlich die Lehrkräfte. Das College wäre deshalb auch ein ideales Forum für den Austausch von Englisch- und Deutschlehrern – zum beiderseitigen Nutzen, wie das so bei einer funktionierenden Partnerschaft sein sollte.

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Übrigens nehmen nun auch die Medien Notiz vom Besucher aus Erlangen. Nach dem Presseamt, das schon – ebenso wie Erlangens Partnerschaftsbeauftragter – fleißig über die Eindrücke twittert, kommt ein Pressephotograph vom Lokalblatt Sentinel ins College und berichtet nebenbei davon, daß sein Vater schon in den 80ern in Erlangen bei Siemens tätig gewesen sein. Die Spuren sind eben überall noch frisch. 

Am frühen Nachmittag dann legt Sharon Menghini, Leiterin des Kinder- und Jugendamtes, zu dem auch das Schulwesen gehört, noch eins drauf. Sie wünscht sich für die 97 Schulen in Stoke mehr internationale Kontakte – bis hin nach Afrika -, mehr Lehreraustausch und lädt zu gemeinsamen Projekten im Miteinander von Bildung und Soziales ein. Erlangen mit seinem Motto der Familienfreundlichkeit und der Bildung auf allen Ebenen hat da ja alles zu bieten. Gerade auch vor dem Hintergrund, daß derzeit die große Politik in London den Kommunen die Verantwortung über das Schulwesen weitgehend entzieht. Was dieser Prozeß bringen mag, ist noch niemandem recht klar, doch gerade in Zeiten des Umbruchs kann es ja hilfreich sein, die Erfahrungen von Freunden und Partnern zu nutzen.

Schließlich nimmt sich auch John van de Laarschot Zeit für den Gast. Der Verwaltungschef und Herr über etwa 1.000 Mitarbeiter (600 wurden im letzten Jahr entlassen) zeigt sich in aufgeräumter Stimmung, aufbruchsbereit. Zeit für den Wandel in seiner Stadt. Nach einer Periode der politischen Instabilität in Stoke sei nun eine Zeit angebrochen, wo man wieder verläßlich Pläne machen könne, wo man Planungssicherheit für die nächsten vier Jahre habe, wo man etwas ganz Neues aufbauen wolle. Weg vom alten Image der Industriestadt des vergangenen Jahrhunderts, hin zu einer Metropole grüner Technologien. Nicht mehr rückwärtsgewandt und in sich gekehrt, sondern mit klarer Perspektive und weltoffen. Offen vor allem für alle Potentiale der Partnerschaft mit Erlangen. Die Einladung in die Hugenottenstadt zusammen mit dem Mehrheitsführer und weiteren Politikern nimmt der Gastgeber gerne an. Es braucht nur noch ein wenig Zeit, bis in Stoke wirklich alle Weichen gestellt sind. Und vielleicht sollte man bis zum Eintreffen der ersten offiziellen Delegation seit Jahren auch erst einmal das eine oder andere Austauschprogramm in Angriff genommen haben.

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Das hat Matthew Lovatt, zuständig für Altenarbeit in Stoke, auch schon im Köcher. Vor allem die Frage des Umgangs mit Demenzpatienten und das Problem der Langzeitpflege von alten Menschen sind Themen, die mit den Erlanger Kollegen intensiv diskutiert werden könnten. Stoke verfolgt die Politik, alte Menschen zunehmend wieder selbständig zu machen, sie nach Möglichkeit aus Heimen herauszuholen, wieder in die gewohnte Umgebung zu bringen. Nur noch etwa einhundert Menschen leben in einem städtischen Heim. Vier weitere Heime, davon zwei für körperlich behinderte Senioren, sind in privater Trägerschaft. Private Anbieter kümmern sich auch um die häusliche Pflege. Eine Pflegeversicherung wie in Deutschland gibt es freilich (noch) nicht. Es ist da alles ins eigene Belieben gestellt. Vor- und Nachteile einer Pflichtversicherung könnte deshalb auch ein Komplex für den Fachdialog werden. Kurzum: Je länger das Leben wird, desto mehr Bedarf für den Austausch.

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Für den Austausch mit Erlangen schließlich wie prädestiniert ist die Fahrradpolitik in Stoke. Bis vor drei Jahren gab es die nur in einigen wenigen Köpfen, wie in denen von Stuart Aldrige und John Nicol. Letzterer hob als erster die Hand, als eine Ausschreibung aus London ins Rathaus flatterte, die alle Kommunen dazu aufrief, Fahrradfreundlichkeit zu entwickeln. 2005 erhielten die ersten sechs Städte den Zuschlag, 2008 weitere zwölf, darunter Stoke-on-Trent. Fünf Millionen Pfund standen da plötzlich bis 2011 zur Verfügung, um Fahrradwege anzulegen, Markierungen und Wegweiser anzubringen, das Radfahren unters Volk und auf die Straße zu bringen. Fast aus dem Stand heraus wurden 37 km Radwege neu angelegt, 74 km gekennzeichnet, so daß man heute alles in allem von einem Netz in einer Gesamtlänge von 160 km sprechen kann. 830 Abstellplätze an Schulen wurden geschaffen, sogar im Parkhaus der Stadtverwaltung gibt es welche, und 1.400 Radler konnte man mit Sicherheitsjacken und Beleuchtung ausstatten. Zwölf Firmen machen mit bei der Aktion „Mit dem Fahrrad zur Arbeit“, 50 Leihräder warten am Bahnhof auf Kundschaft, und ebenda gibt es auch eine hochmoderne Fahrradgarage. Elektronische Zähler vermerken an Kontrollstellen die Zahl der Radler, Stoke hat das einzige Freiluftvelodrom Englands an einer Schule, und sogar Polizisten sind gelegentlich per Pedales unterwegs. Jeder Haushalt hat eine Radkarte zugestellt bekommen, und jede Menge Veranstaltungen – bis hin zu Halloween per Rad – machen auf  das gesunde Transportmittel aufmerksam.

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Die beiden Väter der Fahrradstadt Stoke sind aber noch nicht zufrieden. John Nicol war bereits vor Jahren in Erlangen und kennt den Vorsprung der Hugenottenstadt. Man ist denn auch mit einem Anteil von gerade einmal 2% am Verkehrsaufkommen noch weit entfernt von den Erlanger Kennzahlen bei der Fahrradnutzung. Aber immerhin hat man in den drei Jahren der Projektarbeit das Aufkommen verdreifacht und dabei zugleich die Zahl der Unfälle mit Radfahrern dank einer umfassenden Sicherheitsaufklärung und Schulung deutlich gesenkt. Alle Generationen sollen einbezogen werden, alle Schichten. Dennoch: Der Durchbruch muß erst noch kommen. Noch genießen die Radfahrer auf den für sie vorgesehenen Wegen fast so etwas wie Alleinstellungsmerkmale, im Bewußtsein der breiten Bevölkerung ist die Bewegung per Rad noch nicht in Schwung gekommen. Da müssen noch viele lange drehen und treten.

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Deshalb heißt es weitermachen – mit Erlanger Unterstützung. Gerne wüßte man zum Beispiel, wer zu welchen Tarifen in der deutschen Partnerstadt Fahrräder ausleiht. Doch nun ist es endlich so weit, ganz zum Ende des Besuchs: Der Gast bekommt einen Sattel unter den Hintern, – und ab geht es durch das Zentrum hinein in den ältesten Park von Stoke und hinaus zu den Kanälen, an denen entlang sich auf den alten Treidelpfaden eine wunderschöne Strecke auftut. Nur den Kopf muß man von Zeit zu Zeit einziehen, wenn man unter einer der historischen Brücken hindurchkommt. Vorbei an Ausflugsbooten, Schwänen, Anglern. England at it’s best! Gelegentliche Begegnungen mit entgegenkommenden Radlern und Fußgängern, stille Ecken, beschauliche Landschaft, malerische Häuser neben Industrieruinen. Friedhöfe neben Rinderweiden. Nur aufgepaßt: Auch für Radfahrer gilt der Linksverkehr! Durchaus gewöhnungsbedürftig, weshalb es sich empfiehlt, die ersten Ausflüge unter ortskundiger Führung zu machen.

Gelungen, was da geschaffen wurde. Und schön, daß Erlangen wieder eingeladen ist, an dem mitzuwirken, was noch gelingen kann und geschaffen werden soll. 

PS 11.08.11

 

13.08.2011
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