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Stoke-on-Trent

Die Zusammenarbeit nimmt Gestalt an

Wir bleiben noch beim ersten Arbeitstag, dem 6. Juni, der nach einem Besuch im Stoke College, von dem gestern hier schon die Rede war, seinen Höhepunkt mit dem Vortrag von Oberbürgermeister Siegfried Balleis zum Erlanger Erfolgsmodell und der Metropolregion Nürnberg in der distinguierten Atmosphäre des Potters Club fand. Eingeladen hatten die Stadtverwaltung gemeinsam mit der IHK, die neidvoll zu den Kollegen in Deutschland blickt, denn auf der Insel gelten ganz andere Regeln. Vor allem kann man hier hinsichtlich Service und Fortbildung den Mitgliedern viel weniger bieten. Und dann ist da noch das duale Berufsbildungssystem, das gerne auch das Stoke College verwenden würde. Dennoch oder gerade deshalb: Das Interesse ist groß, einen Austausch mit der IHK Nürnberg zu starten, um zumindest einmal einen Überblick zu gewinnen über potentielle Wirtschaftskooperationen, die über reine Handelsbeziehungen hinausgehen.

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Und wenn schon die Rede von Berufsbildung ist: Auch die Stafford University setzt auf Zusammenarbeit mit Erlangen – im Bereich der Krankenpflege- und Hebammenschulen.

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Am Abend dann sprudeln im Kreis mit Unternehmern die Ideen nur so: Denkbar wäre die Wiederbelebung von Weihnachtsmärkten in den Trentham Gardens. Ebenda könnte man auch mit fränkischen Weinbauern Reben ziehen. Und schließlich sollte man die herrliche Anlage am Trent auch bei deutschen Touristen besser vermarkten. Eine erste Bürgergruppe aus Erlangen könnte da vielleicht noch in dem Jahr einen schönen Anfang machen.

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Was im Sommer letzten Jahres, beim Besuch des Partnerschaftsbeauftragten Peter Steger, erst in Umrissen erkennbar war, hat jetzt Gestalt angenommen und wird bis März 2013 fertiggestellt: CoRE, das Zentrum für energetische Haussanierung, ein Projekt mit einem Finanzierungsvolumen von elfeinhalb Millionen Pfund, gefördert von der EU im Rahmen des Regionalentwicklungsfonds und als Teil des Greenov Cluster. Das Gemeinschaftsprojekt von Stadt und Stoke College geht eines der größten Probleme Englands an. Nirgendwo sonst in den Industrieländern gibt es mehr alten Gebäudebestand, der energetisch saniert werden sollte. 50% aller Emission stammen aus dem Bereich, und bis 2050 sind 22 Mio. der bestehenden Häuser zu sanieren, will man die selbstgesteckten Klimaschutzzielen erreichen. Schon bis 2020 sollen nämlich 34% des Ausstoßes von Treibhausgasen aus dem Hausbrand vermieden werden. Und das angesichts von gegenwärtig 22% Jugendarbeitslosigkeit in Stoke-on-Trent und landesweit fünfeinhalb Millionen Menschen, die mehr als zehn Prozent ihres Einkommens für die Heizung aufwenden müssen und damit zu den sogenannten „fuel poor“ gehören.

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Da braucht es ein Kompetenzzentrum, das landesweit ausstrahlt mit der modernsten Umwelttechnologie, den effektivsten Ausbildungsangeboten und dem besten Konzept zur klimafreundlichen Sanierung von Altbestand. Ganz nebenbei liefert CoRE ein bewundernswertes Beispiel dafür, wie man Denkmalschutz bei Industriebauten umsetzen kann, denn das Zentrum integriert eine historische Keramikmanufaktur mit den typischen „kilms“ den Kaminöfen, von denen man heute weiß, welche Energiefresser sie waren, denn bei aller architektonischen Raffinesse brachten die bauchigen Bauten nur vier Prozent der Wärme tatsächlich für das Brennen der Keramikartikel auf.

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Nicht von ungefähr kommen ein Reporter des Sentinel, der lokalen Zeitung, und ein Team des privaten Midland-Fernsehens zu dem Ortstermin, denn was hier als Konferenz-, Ausstellungs- und Ausbildungszentrum entsteht, wird in England Geschichte im Bereich der Bauindustrie und des Klimaschutzes schreiben.

Auch Ceram, ein Institut für angewandte Wissenschaft, in einem fast herrschaftlichen Gebäude hoch über Stoke-on-Trent angesiedelt, ist für England von zentraler Bedeutung. Hier denkt und handelt man international: schon seit Jahrzehnten gibt es eine Kooperation mit den USA, die Verbindung zu den Kollegen der Fraunhofer Gesellschaft und der FAU wurden freilich erst Ende letzten Jahres in Erlangen dank der Partnerschaft geknüpft. Und schon beteiligt man sich – hoffentlich erfolgreich – an einem EU-Projekt. 150 Wissenschaftler sind bei Ceram mit der Erforschung, Entwicklung und Erprobung von Industriekeramik beschäftigt, in einem von nur vier derartigen Zentren in ganz Europa, zwei davon in Deutschland. Innovation, Nachhaltigkeit und Qualität lautet der Dreiklang, mit dem Ceram sich Gehör verschafft und viele Nachwuchswissenschaftler erreichen möchte. Denn daran fehle es inzwischen leider in England, wie Tony Kinsella, der Leiter des Instituts beklagt. Zu lange, so der Chemiker mit der sanft-sonoren Baßstimme, habe man in Forschung und Lehre die Materialwissenschaften vernachlässigt. Eine Mahnung, die hoffentlich landesweit Gehör findet. In Stoke-on-Trent zumindest hört man die Signale, und so stehen denn auch just hier die landesweit modernsten Feuchtigkeitskammern, wo Baustoffe etwa auch für Passivhäuser einem Härtetest unterzogen werden. Nachzutragen bleibt nur noch kurz, wie ungemein breit die Einsatzmöglichkeiten für die hier mitentwickelten Keramikkomponenten sind: vom künstlichen Hüftgelenk bis zur Pharmazie, als Bauteile für Rennwagen – Stichwort McLaren-Mercedes – oder im Bereich der Nanotechnologie bei Baustoffen. Ein Zukunftsmarkt also und eine Zukunftstechnologie für Stoke-on-Trent.

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Zu den Traditionsunternehmen in der Partnerstadt gehört Wade. Doch was 1814 mit großem Erfolg begonnen hatte, stand vor wenigen Jahren fast vor dem Aus. Das Gebäude war marode geworden, die Technik veraltet, das Sortiment nicht mehr auf dem neuesten Stand. Bis sich 2010 eine kleine Investorengruppe aus dem eigenen Betrieb heraus fand, innerhalb von kürzester Zeit eine neue hochmoderne Anlage aufbaute und heute schon so effektiv arbeitet, daß man daran denkt, die Mitarbeiter von gegenwärtig 226 in zwei Jahren auf bis zu 300 aufzustocken. Was wollte man sich mehr wünschen? Die Belegschaft konnte nicht nur aus dem früheren Betrieb komplett übernommen werden, sie wächst sogar noch.

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Und sie hat gut zu tun. In zwei 12-Stunden-Schichten arbeitet man hier das ganze Jahr durch, im Dreitagesrhythmus: drei Tage im Betrieb, drei Tage frei. Nur an Weihnachten, Ostern und für eine Woche im Sommer werden die Öfen kalt. Mit bayerischer und italienischer Technologie, gesteuert von Siemens, produziert man hier exklusiv Keramikflaschen für den Export nach China. In einer unglaublichen Vielfalt. Doch bevor die in Fernost so beliebten Behältnisse auf die weite Reise gehen, werden sie in Schottland und Irland mit Whiskey gefüllt. Wiederum auf eine Weise, für die Wade ein gewitztes Patent entwickelt hat. Die Flaschen sind nämlich nicht wiederbefüllbar. Wichtig, um Markenschwindel oder noch gröberen Unfug auszuschließen.

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Wade zeigt, wie Stoke-on-Trent auch in Zukunft als Standort der Keramikindustrie bestehen und 8.000 Menschen Arbeit geben kann. Wade investiert dafür aber auch selbst in die Köpfe und zieht sich die eigenen Fachkräfte heran, allein 70 in den letzten zwei Jahren. Seit 20 Jahren nämlich hapert es nämlich bei der staatlichen Berufsbildung. Da müssen sich die Betriebe schon selbst helfen. Und beweisen, es zu können: Bis Weihnachten will Wade die Wochenproduktion von derzeit 80.000 Flaschen auf 100.000 steigern. Angefangen hatte man bei der Hälfte. Wenn man im Jahr 2005 noch 20 Stunden vom Rohstoff Ton bis zum fertigen Fabrikat brauchte, sind es heute gerade einmal noch drei Stunden! Freilich nur möglich dank dem Einsatz von neun Industrierobotern.

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Eindrucksvoll auch der Wille der Stadtverwaltung, unabhängig zu werden von Energielieferungen aus dem Nahen Osten, aus Rußland und seitens der Großkonzerne. Ein Ziel, das Stoke-on-Trent mit der deutschen Partnerstadt gemeinsam verfolgen könnte. Schon entstehen im Gespräch Ideen, wie Biogas effizienter hergestellt werden könnte, wie man die Abwärme der energieintensiven Keramikindustrie nutzen könnte, wie ein Fernwärmenetz aufzubauen wäre. Und schließlich ist da noch die Erdwärme. Stoke-on-Trent hat hier ein gewaltiges Potential und sitzt buchstäblich auf einem ganzen Stollensystem aus Zeiten des Abbaus von Kohle. Erste Versuche zeigen, daß Wasser in 600 Meter Tiefe durch die Geothermie auf bis zu immerhin 40° C aufgeheizt werden kann. Und die Erlangen AG hat Erfahrung mit EU-Projekten in diesem Bereich. Da bietet sich schon in allernächster Zeit eine ganz konkrete Möglichkeit der Zusammenarbeit an, und Jane Forshaw, in der Stadtverwaltung zuständig für den Komplex erneuerbare Energien, nimmt gerne eine Einladung nach Erlangen an.

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Das tut auch Joan Walley, die seit 25 Jahren als Mitglied der Labour Party im Parlament Stoke-on-Trent vertritt und vor allem für saubere Energie und Umweltfragen eintritt. Ihr ausgezeichnetes „Schuldeutsch“ macht sie immer wieder über den Kanal blicken und die neuesten Entwicklungen vor allem bei der Energiewende in Berlin verfolgen. Aber auch die Städtepartnerschaft kennt sie aus früheren Jahren noch gut, aus den Jahren vor dem jetzt endlich auch politisch gewollten Neustart. Und Heide Mattischeck kennt die Parlamentarierin, die Erlanger Kollegin von der SPD, die sich in ihrer Zeit als Mitglied des Bundestages gerade auch die Zusammenarbeit mit Stoke-on-Trent angelegen sein ließ.

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Die Einladung nehmen aber auch Mohammed Pervez, der als Vorsitzender des Stadtrates und Mehrheitsführer die politischen Geschicke der Partnerstadt lenkt, und seine Stadtratskollegin Ruth Rosenau an, die beide gerne lernen wollen von den Erfahrungen, die Erlangen in den Bereichen Wirtschaft, Wissenschaft und Energiewende gemacht hat.

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Und auch im Britisch-Deutschen Verein, der seit gut einem Jahr unter der Leitung von Petra Cox die bürgerschaftlichen Verbindungen zwischen den Ländern pflegt und die Tradition des aufgelösten Partnerschaftsvereins fortführt, findet die Einladung Gehör. Buchstäblich sogar, denn in der der Runde ist auf Anregung von Melissa Newman, der einstigen Partnerschaftsbeauftragten, auch David Borrowes, Gründer und Leiter der Barbara Walton Singers, eines akademischen Chores, der bereits zur Tausendjahrfeier in Erlangen aufgetreten ist und nun gerne ein Ensemble aus der Partnerstadt aufnehmen möchte. Das klingt wie die buchstäbliche Musik in den Ohren und könnte eine erste Gelegenheit sein, um endlich auch die kulturellen Verbindungen wiederzubeleben. Da nimmt es sich wie eine gute Fügung aus, wenn der Chor just auch das Stück „The King shall Rejoice“ von Georg Friedrich Händel im Repertoire hat, just des Komponisten, der mit seinem Leben und Schaffen wie kein anderer das musikalische Miteinander zwischen Deutschland und England verkörpert. Ein guter Auftakt eben! Und viele Versprechen für die Zukunft der Partnerschaft.

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Um die will sich auch weiterhin Mark Meredith kümmern, der letzte von zwei aus Direktwahlen hervorgegangene Bürgermeister, der sich jetzt im Stadtrat für seine Labour Partei die Bereiche Wirtschaftsförderung, Kultur und Sport vertritt. Er ist ebenso zum Frühstück kurz vor der Abreise gekommen wie Syd Bailey, ein ehemaliges Mitglied des aufgelösten Partnerschaftsvereins, der sich noch lebhaft an die ersten Anfänge der Partnerschaft erinnert und sich trotz seiner 90 Jahre nichts mehr wünscht als die Fortsetzung des abgebrochenen Seniorenaustausches und eine Wiederbelebung der Begegnungen von Mensch zu Mensch. Daran arbeitet fleißig Karen Tsang mit, der schon manche gute Fügung beim Wiederaufbau der Beziehungen zu verdanken ist, besonders aber die Organisation der Reise des Großen Chors vom Ohm-Gymnasium nach Stoke-on-Trent, wozu es sicher bald einen Bericht gibt. 

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Doch dieser Bericht darf nicht enden ohne ein großes Dankeschön an das Orga-Team, dem unter Leitung von Alison Knight insbesondere Andrew Briggs angehörte, unterstützt von Rachel  Nicholson und Karen Tsang, aber auch Sebastien Danneels und vielen anderen neuen und alten Freunden der Partnerschaft.

P.S.: Es regnet viel in Stoke-on-Trent. Auch in diesen Tagen. Aber das stört niemanden von den Gastgebern, niemanden von den Besuchern. Warum auch? Man hat wichtigere Dinge zu besprechen als die Launen des Wetters.

Peter Steger, 8. Juni 2012

08.09.2012
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Weiterführende Informationen

Mandat for Change

Stoke - Juni 1

Auch die Partnerschaft wandelt sich

Oberbürgermeister Siegfried Balleis zu Besuch in der Partnerstadt Stoke-on-Trent

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