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Wladimir-Berichte

Peter Steger wurde die Ehrenbürgerschaft der Stadt Wladimir verliehen

Bürgermeister Gerd Lohwasser nannte die Verleihung der Ehrenbürgerschaft am 29. November 2010 an Peter Steger den „Ritterschlag für die Partnerschaft“, Oberbürgermeister Alexander Rybakow sprach von der “längst verdienten und vielfach geforderten höchste Anerkennung“ und Altoberbürgermeister Igor Schamow sah darin „das Zeichen eines großen Dankes“.

Hier nun die Dankesrede des Ausgezeichneten, Peter Steger, Partnerschaftsbeauftragter der Stadt Erlangen, gehalten vor gut einhundert geladenen Gästen:

Diese höchste Auszeichnung der Stadt Wladimir, meine sehr geehrten Damen und Herren, nehme ich mit Demut und Dankbarkeit an. Gestatten Sie mir, einige Worte an Sie zu richten.

Als meine Kolleginnen mir die Nachricht über die Entscheidung des Wladimirer Stadtrates zukommen ließen, mir die Ehrenbürgerwürde zu verleihen, reagierte ich regelrecht unwirsch mit der Bemerkung, man möge mich mit derlei Unfug nicht von meiner geliebten Arbeit abhalten. Ich möchte mich bei Irina Chasowa und Swetlana Schelesowa deshalb hier in aller Form für meine Ungehobeltheit entschuldigen, zumal ich Grund zu der Annahme habe, daß die beiden nicht ganz unbeteilt waren an meiner Ehrung.

Gemeinsam erleben können wir diesen Moment leider nicht mehr mit allen. Viele, zu viele, weit mehr als einhundert Aktivisten der Partnerschaft sind nicht mehr unter uns. Erst vor wenigen Wochen ist Willi Börke verstorben, ein Veteran, der Wladimir als Kriegsgefangener erlebt hat und uns hierher begleiten wollte. Ich möchte deshalb meine Erwiderungsrede mit einer Totenehrung beginnen und zumindest die Namen der Menschen nennen, ohne die ich mir die Partnerschaft nicht vorstellen kann, die mir entscheidende Anstöße für meine Arbeit gegeben haben und mir zu Freunden wurden: Ich beginne mit Ihren Vorgängern, lieber Alexander Petrowitsch: Mit Michail Swonarjow und  Wladimir Kusin, die, unterstützt von Jurij Fjodorow, unsere Partnerschaft in Zeiten des Kalten Krieges begonnen und mit viel menschlicher Wärme betrieben. Ich fahre fort mit Michail Firsow, dem Leiter von RUS, der mit seinem Ensemble die Herzen der Erlanger eroberte, und mit Pjotr Dik, dem einzigartigen Künstler und großen Brückenbauer zwischen Deutschen und Russen. Ich erinnere an den zutiefst humanen Dramaturgen und Autor Walerij Kanachin (Lew Protalin). Unvergessen der Mittler zwischen den Sprachen, Leonid Chorjew, und nicht zuletzt Jakow Moskwitin, der Vorsitzende des Veteranenverbands, der als erster die Hand zur Versöhnung ausgestreckt und den unvergessenen Satz gesagt hat: „Wir wollen einander das Böse nicht aufrechnen!“ Ergriffen haben diese Hand am 22. Juni 1991, 50 Jahre nach dem Überfall der Hitlertruppen auf die Sowjetunion, die ehemaligen Feinde, eine Veteranendelegation, der Heinrich Pickel und Ludwig Zeus angehörten, auch sie bereits nicht mehr am Leben. Mit dieser Geste der Vergebung von Jakow Moskwitin, Fjodor Pesterew, Maria Sykowa und all den bereits verstorbenen Veteranen hat für mich persönlich die Partnerschaft erst ihr Ziel erreicht. Dieses Ziel heißt Versöhnung. Um dieses Zieles Willen sind heute die ehemaligen Kriegsgefangenen Philipp Dörr und Kurt Seeber unter uns. Eine besondere Freude und Ehre für mich.


Ich bleibe bei dem Gedanken der Versöhnung. Denn ich nehme die Auszeichnung als der Sohn eines Panzeroffiziers an, der in den Reihen der Waffen-SS ungebeten in Ihr Land gekommen ist. Schon in den ersten Kriegsmonaten mußte er begreifen, welch ein schreckliches Verbrechen im Gang war. Er ist als Freund und Verehrer Ihres Landes zurückgekehrt aus den Schrecken des Krieges und hat mich im Geist der Liebe zu den Russen erzogen. Sie werden so vielleicht verstehen, warum ich es jedes Mal als kaum faßbares Glück empfinde, hierher zu kommen und beim Auf- und Umbau von gesellschaftlichen Strukturen helfen zu können, während der eigene Vater einst auf der anderen Seite der Front stand. Wenn er uns heute vom Himmel aus zusehen sollte, freut er sich gewiß über die Maßen. Denn was kann es Schöneres für einen Vater geben als ein Kind zu haben, das seine eigene Mission erfüllt und darin sein Glück findet.

Gerd Lohwasser, Irina Chasowa, Alexander Rybakow, Peter Steger


Mein Glück habe ich in dieser Arbeit und in dieser Stadt gefunden, weil ich überall wunderbaren Menschen begegnet bin. Menschen, die mit mir ihre Hoffnungen und Träume, ihre Ideen und Pläne zu teilen bereit sind. Ich habe deshalb allen Grund zu danken. Vor allem Ihnen, lieber Alexander Petrowitsch, Ihnen, Galina Wiktorowna, der ganzen Stadtverwaltung, natürlich dem Stadtrat mit Sergej Kruglikow und Margarita Malachowa an der Spitze – und natürlich meinen Kolleginnen aus dem Erlangen-Haus und der Stadtverwaltung. Ich weiß aus der Erfahrung mit anderen Partnerstädten, daß es alles andere als selbstverständlich ist, die internationalen Kontakte mit der notwendigen politischen Autorität zu wollen und zu fördern. Wladimir und Erlangen tun dies dank Ihnen mit großem Erfolg – heute und in Zukunft.


Ich danke aber auch den Erlangern, die heute dabei sind, ohne die meine Arbeit und mein Erfolg nicht denkbar wären: Gerd Lohwasser steht für eine Politik, Helmut Schmitt für eine Verwaltung, Melitta Schön und Brüne Soltau vertreten mit dem BRK eine Organisation, die mit aller Kraft für die Partnerschaft arbeiten. Und Wolfram Howein repräsentiert die vielen Ehrenamtlichen, ohne die unsere Zusammenarbeit nicht denkbar wäre. Hans Ziegler vertritt all die Ersttäter, die sicher wiederkommen, Kristina Werner die Jugend und den Studentenaustausch, und die Reisegruppe Anja unser Dreieck Jena – Erlangen – Wladimir. Danke! Danke aber auch an die hiesigen Medien, die den Ereignissen der Partnerschaft so wohlwollend folgen.


Dies, meine Damen und Herren, ist meine 101. Reise nach Wladimir, gerechnet seit 1986. Ich weiß nicht mehr genau wann, aber es war eines Tages bei der Vorbereitung auf das Fränkische Fest 1992, da sagten Sie zu mir, lieber Alexander Petrowitsch: „Der Peter ist einer von uns.“ Spätestens von da an gehörte ich wirklich zu Wladimir, bin ein Teil dieser Stadt, bin mit den Menschen eins geworden. Aber ich gehöre auch zu Erlangen, bin glücklich hier wie dort, besonders dann, wenn wir wieder etwas gemeinsam unternehmen, sei es in Kultur, Sport, Politik, Verwaltung, Wirtschaft, Wissenschaft oder Religion. Gemeinsam sind wir die besten Partner, die unsere Länder je hatten. Und das wollen wir bleiben! Zusammen!


Meine Wünsche für die Zukunft richte ich deshalb an Gastgeber wie Gäste: Bewahren Sie die Partnerschaft als ein hohes Gut der Völkerverständigung. Lassen Sie auch in Zeiten des Spardiktats nicht nach in Ihrer Unterstützung. Es lohnt sich. Sie investieren damit in nichts Geringeres als in den Frieden. Geben Sie meinen Kolleginnen und mir auch in Zukunft die Instrumente an die Hand, um vielleicht sogar noch besser arbeiten zu können. Sie werden es nicht bereuen. Dankend versprochen!

Ich bin ja eher dafür, Ehrungen und Auszeichnungen erst postum vorzunehmen. Man kann dann keinen Unfug mehr anstellen, sich nicht mehr blamieren. Nun ehren Sie mich aber zu Lebzeiten und als noch verhältnismäßig jungen Mann, der im vollen Saft seiner Arbeit steht und große Pläne für die nächsten 100 Reisen nach Wladimir hat. Das verpflichtet mich zu weiteren Anstrengungen, gestattet mir keine Seitensprünge, fordert Tag für Tag veritables und honoriges Benehmen und Handeln. Ich nehme die Herausforderung gerne an und verspreche Ihnen allen, auch in Zukunft alles mir Mögliche – und manchmal auch noch ein wenig mehr – zu tun, um die Menschen unserer Städte zusammenzubringen, um die Partnerschaft erlebbar zu machen und allen Raum zur Mitgestaltung zu geben. Ganz im Geiste von Altoberbürgermeister Dietmar Hahlweg und dem großen Wladimir-Freund Rudolf Schwarzenbach, die von Beginn an auf eine Bürgerpartnerschaft hingearbeitet hatten, fortgesetzt von unserem jetzigen Stadtoberhaupt Siegfried Balleis, ganz auch in der Tradition Ihrer Vorgänger, lieber Alexander Petrowitsch, Michail Swonarjow, Wladimir Kusin und Igor Schamow, deren Erbe der Partnerschaft Sie nicht nur würdig angetreten, sondern auch reich vermehrt haben.

Ich danke Ihnen für das Vertrauen und die Freundschaft!

 

17.03.2011
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