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Archiv "Partnerstädte"

Gedenk ich deiner, wein’ ich fast

In seinem noch zu Lebzeiten Ende Dezember 2010 in Erlangen erschienenen Schrift „Die Schuld am Holocaust“ erinnert sich Percy Gurwitz an seinen Vater und dessen Erziehung: „Mein Vater ließ keine Gelegenheit ungenutzt, mir das im Baltikum so populäre Denken in Nationalitäten auszutreiben, genauer gesagt, es bei mir gar nicht erst einreißen zu lassen. Nichts sei falscher und schädlicher als allgemeine Urteile über ganze Völker (das bezog er ausdrücklich auch auf die Zigeuner); vermeiden müssen man es, von einigen und sogar von zahlreichen mißratenen Exemplaren auf ein ganzes Volk zu schließen. Es gebe weder gute, noch schlechte Völker, die Lumpen seien in jedem Volk durchschnittlich gleich dünn oder dicht gesät. Auch unterließ mein alter Herr es nie, eigens zu betonen, daß sich Juden noch mehr als alle anderen wie vor dem Schwarzen Tod gegen derartige Verallgemeinerungen über andere Völker wappnen müssen, wo sie doch zu allen Zeiten selbst derartigen Vorurteilen zum Opfer gefallen seien.“

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Diese Lektion hat der Universalgelehrte fürs Leben gelernt. Vieles von seinem so überreichen Wissen, viel zu vieles, nimmt er unwiederbringlich mit auf seinen letzten Weg. Seinen Respekt, seine Achtung gegenüber jedem Menschen gleich welcher Rasse oder Nationalität, welcher Schicht oder Klasse, seinen alle völkischen Grenzen überwindenden Geist der Humanität und seinen praktizierten Kosmopolitismus hinterläßt er uns aber als sein forderndes Vermächtnis. Man muß gesehen haben, mit welcher feinfühligen Aufmerksamkeit er jedem Menschen begegnete, mit wieviel Verständnisbereitschaft er sich der Not eines jeden annahm, mit was für einer Herzensgüte er sich hineindenken konnte in andere. Als Kavalier alter Schule, der keiner Frau den Handkuß versagte, bildete für ihn eine formvollendete Höflichkeit den verläßlichen Rahmen eines Menschbildes, das den andern frei nach Goethe immer als den sah, als der er gedacht war. Ihn faßte zwar der Menschheit ganzer Jammer an, von dem er am eigenen Leib so viel hatte ertragen müssen, aber es galt für ihn die Maxime des Dichterfürsten: „Kein Werk ist zu niedrig, das aus Liebe getan wird.“

Es ist diese Liebe, die sein ganzes so mannigfaltiges Lebenswerk atmet: seine Publizistik, seine literarischen Arbeiten, sein politisches Wirken, seine Pädagogik. In allem, was er tat – und er tat in seiner zwar langen und dann doch endlichen conditio humana so unendlich viel – scheint diese Liebe auf, gibt ihr ein Gepräge für die Ewigkeit, an die er als bekennender Agnostiker doch nur sehr bedingt glauben wollte. Er hielt es bei der Gretchen-Frage verschmitzt mit Heinrich Heine, der das Dritte Buch seiner Hebräischen Melodien wie folgt enden läßt: „Welcher recht hat, weiß ich nicht, – / doch es will mich schier bedünken, / daß der Rabbi und der Mönch, / daß sie alle beide stinken.“ Geglaubt freilich hat er an den Ausspruch von Else Lasker-Schüler: Nur Ewigkeit ist kein Exil. Geglaubt hat er aber auch an die sinnstiftende Kraft der Religionen und vor allem an den für Höheres bestimmten Menschen.

Das Leben von Percy Gurwitz war geprägt von der Erfahrung des Exils. Ghetto und Gulag waren entwürdigende Stationen eines Menschen, der, wie es die Lyrikerin Hilde Domin formulierte, seinen „Wohnsitz im deutschen Wort“ hatte. Darin bestärkten ihn eher noch die Mordgesellen des Dritten Reichs, die seine ganze Familie auslöschten. Diese Fluchtburg der Sprache bot ihm aber auch Schutz gegen den inhumanen Allmachtsanspruch der sowjetischen Ideologie Stalin’scher Prägung.

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Im Epilog des Romans „Land der Freien“ des amerikanischen Autors Cormac McCarthy heißt es an einer Stelle: „Der Tod eines Menschen bedeutet immer, daß ein anderer für ihn einspringt. Und da der Tod zu jedem kommt, läßt sich die Furcht vor ihm nur dadurch lindern, daß man den Menschen liebt, der für einen einspringt. Wir warten nicht darauf, daß seine Geschichte geschrieben wird. Er ist vor langer Zeit hier durchgekommen. Der Mensch, der für uns auf der Anklagebank sitzt, bis unsere Zeit kommt und wir für ihn einspringen müssen. Liebst du ihn, diesen Menschen? Wirst du den Weg ehren, den er genommen hat? Wirst du dir seine Geschichte anhören?“

Eingesprungen sind damals für den verwaisten Juden in den wüsten Jahren des Krieges die Mitarbeiter des Deutschen Roten Kreuzes. Ihnen bewahrte er ein ehrendes Andenken, nachzulesen in seiner Schrift „Zwei Mal Rotes Kreuz“, die er im Dezember 2009 veröffentlichte. Aus diesem Andenken heraus wuchs auch die besondere Beziehung zum BRK Erlangen-Höchstadt und seinen segensreichen Aktivitäten in Wladimir. Bereits bei seinem ersten Besuch in Erlangen 1991 verneigte sich Percy Gurwitz in Dankbarkeit vor Henri Dunant, dem Gründer des Roten Kreuzes, und erinnerte die berührten Gastgeber an seine Lebensretter. Die Aktion „Hilfe für Wladimir“ begleitete er mit klugem Rat und beherzter Tat und stattete schon 1993 in bewegten Worten dem Erlanger Stadtrat den Dank der Partnerstadt ab.

Überhaupt die Partnerschaft. Was wäre sie ohne Percy Gurwitz in den vergangenen zwei Jahrzehnten seiner aktiven Beteiligung?! In seiner Rolle als Stadtrat – drei Wahlperioden lang, von 1990 bis 2002 war er selbst Abgeordneter im Wladimirer Rathaus – stellte er die politischen und finanziellen Weichen für die internationalen Beziehungen und förderte vor allem das Erlangen-Haus, das 1993 eröffnet wurde, und später die Entstehung des Rot-Kreuz-Zentrums, das 1999 seiner Bestimmung übergeben wurde. Ebenfalls als Stadtrat begründete er in seiner Eigenschaft als Vorsitzender des Ausschusses für Kommunale Dienste die bis heute fortwirkenden Verbindungen zu den Erlanger Stadtwerken und der Stadtentwässerung. Die Vorträge des weltklugen Geisteswissenschaftlers im Arbeitskreis Wladimir an der VHS Erlangen sind unvergessen, ebenso seine Auftritte an Erlanger Schulen. Sehr bedauert hat Percy Gurwitz nur immer: Albrecht Schröter, den Parteifreund und Oberbürgermeister von Jena, hatte er zwar 2009 noch kennengelernt, aber dessen Einladung, im Januar 2011 nach Thüringen zu kommen, konnte er nun nicht mehr folgen.

Es gibt viele polyglotte Menschen, aber nur wenige, die in diesen Sprachen leben, in ihnen zu Hause sind wie das dieser Homme de lettres war. Für Statistiker seien sie aufgezählt, all die Sprachen, die er beherrschte: Deutsch, Lettisch, Russisch, Schwedisch, Niederländisch, Latein, Altgriechisch, Jiddisch, Englisch, Französisch, Turkmenisch – und Hebräisch. Er war der letzte Wladimirer Jude, der das Kaddisch rezitieren konnte. Er hat sich immer gefragt, wer das wohl nach ihm tun werde.

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Es gibt auch viele belesene Menschen, aber nur wenige, die wie er noch die entlegendsten Zitate der Weltliteratur auf Zuruf parat haben, die mühelos Janis Rainis mit Rainer Maria Rilke, Boris Pasternak mit Edgar Allen Poe oder Scholem Alejchem mit Tschingis Ajtmatow verbinden.  Seine Muttersprache aber war das Deutsche, die Sprache, in der er an seiner Hochschule Generationen von Studenten ausbildete, in der er selbst fühlte und träumte. Auch davon träumte er, in Deutschland morgens zum Bäcker zu gehen und zum Frühstück eine deutsche Zeitung zu lesen. Wie Heinrich Heine erging es ihm wohl manches Mal, der in seinem Gedicht Anno 1839 schrieb: „O Deutschland, meine ferne Liebe, / gedenk ich deiner, wein ich fast!“

Er hätte als Kontingentjude nach Deutschland kommen können, wollte aber nicht vorheucheln, er sehe sich in Rußland Repressalien ausgesetzt; er hätte nach Israel emigrieren können, tat es aber nicht, weil er den Judenstaat für rassistisch und illegitim hielt. Er wäre am liebsten beides gewesen: russischer und deutscher Staatsbürger. Aber ein unsinnig-obsoletes Gesetz fordert ohne Ausnahme bei der Annahme der einen die Aufgabe der anderen Nationalität. So starb er nun mit einem deutschen Paß, um den er Jahre mit Unterstützung seiner Freunde aus Erlangen gekämpft hatte, in Wladimir, der Stadt, die ihn 1999 zu ihrem Ehrenbüger gemacht hatte und die ihm Heimat blieb, vor allem auch wegen seiner Familie. Aus keiner seiner vielen Funktionen wurde er als „Vaterlandsverräter“ vertrieben. Er blieb im Rat für Menschenrechte des Gouverneurs, er lehrte weiter bis zum Sommer 2010 an der Staatlichen Geisteswissenschaftlichen Universität, er mischte sich unverdrossen in die öffentliche Debatte um Politik und gesellschaftliche Entwicklung ein, kämpfte bis zuletzt für ein humanes Tierrecht und verteidigte als Jurist die Interessen eines Erlanger Mittelständlers erfolgreich in allen Instanzen vor russischen Gerichten.

Seit dem Spätherbst vergangenen Jahres rang Percy Gurwitz mit dem Tod. Gestern hat er, der das KZ wie den Gulag überlebt hatte, den Kampf 92jährig aufgegeben. Still und ohne zu klagen. Es war ein erfülltes Leben, und er hinterläßt seine Familie und Freunde in einem Gefühl tiefer Dankbarkeit dafür, Teil dieser Lebensfülle gewesen sein. Bei allem Schmerz macht es seine Freunde in Erlangen glücklich, noch dabei geholfen zu haben, noch im Dezember 2010 seine Streitschrift „Die Schuld am Holocaust“ herausgebracht zu haben, und es gereicht der Erlanger SPD zur Ehre, den Wladimirer Genossen, der fast 80 Jahre der Sozialdemokratie gedient hatte, noch zu Lebzeiten mit der Willy-Brandt-Medaille ausgezeichnet zu haben.

Enden wir mit einem Wort aus den Memoiren von Heinrich Heine, den der Verstorbene so sehr verehrt hat: „Es ist so schwer, sich vom Tod der Menschen zu überzeugen, die wir so innig liebten. Aber sie sind auch nicht tot, sie leben fort in uns und leben in unserer Seele.“ Am kommenden Montag schon wird Percy Gurwitz in Wladimir zu Grabe getragen. Seine Seele lebt in uns fort, und doch wird er uns allen so unendlich fehlen, und der Schmerz ist so viel größer als dieser Trost des Dichters.

P.S.: Ein Kondolenzbuch liegt nicht aus, aber jeder Kommentar im Erlangen-Wladimir-Blog wird den Hinterbliebenen zugeleitet.

05.06.2011
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