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Archiv "Partnerstädte"

Ehrenbrief für Dr. Hildegard Jurisch

Verleihung des Ehrenbriefes der Stadt Erlangen an Dr. Hildegard Jurisch, in Anerkennung ihres Engagements für die Städtepartnerschaft Erlangen-San Carlos

Laudatio von Dr. Elisabeth Preuß anlässlich der Verleihung am 28. September 2015

- es gilt das gesprochene Wort -

Hildegard Jurisch ist eine Frau der deutlichen Worte, der klaren Planung und der guten Tat. Wäre dies nicht eine Laudatio, wo Sie zu Recht noch einige Worte mehr erwarten, könnte ich mich eigentlich schon wieder setzen.

Lassen wir doch drei Reisebegleiter von Hildegard zu Wort kommen, die mit ihr Nicaragua bereist haben:
Der Reisende Florian Janik charakterisiert Hildegard so: unermüdlich engagiert für die eine Welt
Der Reisende Tobias Ott: sanfte Beharrlichkeit
Die Reisende Anette Christian: Chancengleichheit, Nachhaltigkeit und Gerechtigkeit sind bei Hildegard nicht verhandelbare Ziele.

Ein Blick in ihre beeindruckende Vita zeigt: Sie war schon immer so! Die Hamburgerin kam zum Studium nach Erlangen und war schon dreifache Mutter, als sie 1963 das medizinische Staatsexamen ablegte. Wenn ich mich recht entsinne (da war ich zwei, auf die Geburt unseres Oberbürgermeisters mussten wir noch 17 Jahre warten, um ein Rechenbeispiel unseres neuen Bürgermedaillenträgers Gerd Wangemann aufzugreifen) gab es 1963 weder ganztägige Kitas, noch Elternzeit, Partner-Elternzeit schon gar nicht, und Wäschewaschen (Windeln!) war eine größere Aktion.

1974 ließ sie sich als Ärztin in Erlangen nieder, die Praxis wurde später übrigens von der schon erwähnten Reisenden Anette Christian übernommen. Während andere Menschen mit 4 Kindern und einer Arztpraxis völlig ausgelastet sind, entdeckte Hildegard noch weitere sinnvolle Beschäftigungen.

Mikrokredite, heute in aller Munde und nobelpreisbewehrt haben Hildegard schon Mitte der 80er Jahre mit Mittelamerika, aber auch anderen armen Ländern zusammengebracht. Hildegard erkannte die Selbsthilfekräfte der Menschen. Ihr wurde klar, dass – gemäß dem chinesischen Sprichwort, dass jede Reise mit dem ersten Schritt beginnt – die Finanzierung eines kleinen, einfachen Projektes eine Familie nachhaltig stabilisieren kann. Mit wachsender Bewunderung sah Hildegard, was Frauen in der dritten Welt, die ein Ziel haben, zustande bringen, wenn sie nur einige wenige Dollar in den Händen haben.

Über Oikocredit kam Hildegard 1996 das erste Mal nach Nicaragua, zunächst nur für die Besichtigung eines Projektes im Rahmen der Jahreshauptversammlung, die eigentlich in Costa Rica stattfand. Vier Jahre später lernte sie dann – ebenfalls durch Oikocredit – das stolze Granada am nördlichen Ufer des Nicaraguasees kennen. Das viel kleinere, am Zufluss des Río San Juan gelegene San Carlos, war noch nicht in ihrem Blick, auch wenn es schon über 10 Jahre unsere Partnerstadt war.

Erlangens Partnerstädte liegen auf 3 Kontinenten, umspannen die Welt: Eskilstuna im Norden, Wladimir im Osten, Shenzhen im noch ferneren Osten und Riverside im Westen.
San Carlos, in Mittelamerika gelegen, da wo der Pazifik und der Atlantik sich fast berühren, bringt das Wunder fertig, gleichzeitig ganz weit weg und ganz nah zu sein.
Ganz weit weg ist es, weil die Reise dorthin oftmals zwei Tage dauert. (Würde diesen Seufzer ein Reisender hören, der 1858 aus Europa in die Hauptstadt Managua reisen wollte, er würde nur verständnislos den Kopf schütteln). Diese zwei Tage enden aber, wenn man einen wohlwollenden Reiseleiter hat, mit der wohl beeindruckendsten Art und Weise ein Ziel zu erreichen: auf einem Motorboot, den Río Frío entlang, unter majestätischen Bäumen, auf welchen Leguane und Brüllaffen sitzen, Garcas, die eleganten Vögel fliegen auf, Blüten treiben den Fluss hinunter. Dann öffnet sich der Fluss in den Nicaraguasee und am gegenüberliegenden Ufer taucht San Carlos auf. Schöner kann eine so weite Reise nicht enden.

Ganz nah aber ist San Carlos, weil jeder, der dort war, für immer ein Stück San Carlos im Herzen behält: die Schönheit der Natur, die Findigkeit, mit der Strategie der kleinen Schritte zu großen Lösungen zu kommen, und immer wieder die herzlichen, klugen, humorvollen, immer zu einem Tanz oder Lied bereiten Menschen!

Wie in jeder Partnerschaft braucht es neben den offiziellen Kontakten durch die Stadt auch Partner in der Zivilgesellschaft, die das einbringen, was eine offizielle Städtepartnerschaft zu einer Partnerschaft der gelebten Freundschaft macht, bei der beide Seiten voneinander lernen, bei der beide Seiten geben und nehmen.

Für die Städtepartnerschaft mit San Carlos ist das Hildegard Jurisch:
Ich sehe Dich, liebe Hildegard, innerlich schon aufspringen und rufen: „aber doch nicht allein“.
Das stimmt, aber Du warst und bist diejenige, die Aufgaben sieht, Verantwortung übernimmt, Diplomatie walten lässt, Finanzen sichtet und letztlich dafür sorgt, dass die Aufgaben auch erledigt werden.

Hildegard Jurisch ist dabei zielstrebig, genau, hartnäckig, strukturiert, humorvoll, sensibel und unbequem. Diese Worte kann man leicht zu einem zusammenfassen: Sie ist ein Philanthrop.

Nicht die Show, nicht die Liste beeindruckender abgeschlossener Projekte ist ihr Ziel. Hildegard möchte vielmehr dazu beitragen, dass mehr Menschen in San Carlos sauberes Wasser haben, dass häusliche Gewalt enttabuisiert wird, dass Kinder auch außerhalb der Schule sinnvoll beschäftigt werden, dass ein Notfalltopf da ist für ganz schnelle Hilfe, dass weniger km zwischen den Menschen und medizinischer Hilfe liegen, dass Durchfall nicht mehr so oft tödlich ist, dass für 100.000 Menschen nicht mehr nur ein einziges EKG zur Verfügung steht, dass in Schulen neben einer Tafel weiteres didaktisches Material zur Verfügung steht.
Auch das kann zusammengefasst werden: Ziel ist es, die Zukunftsfähigkeit nachhaltig zu verbessern, damit die wunderbaren, motivierten Menschen in San Carlos genug Zeit, Kraft und Zuversicht haben, um ihre Familien und damit die Stadt voranzubringen.


Hildegard Jurisch geht dabei sehr systematisch vor. Das Antragsformular für neue Projekte besteht aus drei Seiten. Wie Sie gleich erkennen werden, ist dessen Qualität, die umfassende Erkenntnis über das Projekt, so gut, dass die Antragsschreiber in Brüssel, aber auch in München davon lernen könnten. Die Nachhaltigkeit der Projekte ist eben nicht proportional zur Dicke des Antrags!

Selbstverständlich ist, dass über jeden Córdoba abgerechnet werden muss, dass Belege vorgelegt werden müssen. Das Projekt muss dokumentiert werden, das Vorher und Nachher muss klar dargestellt werden, sprich, ob unter dem Strich ein Plus oder Minus steht.
Hildegard Jurisch fragt nicht nur nach dem Ziel des Projektes, sondern will wissen, wer konstant ansprechbar ist vor Ort. Was banal klingt, es aber nicht ist. Sie will wissen, wer die Folgekosten des Projektes trägt, und ob damit Einkommen erzielt werden können, so dass beispielsweise nicht nur ein Gerät beschafft wird, sondern eine oder mehrerer Familien dadurch regelmäßige Einkommen haben.
Dass sie auch wissen will, ob Spannungsschwankungen das Gerät beschädigen könnten, und wer es dann reparieren kann, verwundert da schon gar nicht mehr.

Meine sehr geehrten Damen und Herren, eine Erkenntnis über das Ehrenamt ist: einmal Ehrenamt, immer Ehrenamt. Es ist kein Zeitvertreib mit einem Projekt oder für einen Verein.
Es ist eher eine Charaktereigenschaft. Mancher hat sie nicht, in Erlangen haben sie ganz viele und einige haben sie in herausragender Weise. So auch Du, liebe Hildegard. Eingangs habe ich schon kurz skizziert, dass Hildegard sich auch anderweitig, lokal, regional aber auch global ehrenamtlich engagiert hat und meiner Meinung nach auch auf diesen Ebenen ausgezeichnet gehört.

Heute aber geht es um San Carlos:
Im März diesen Jahres hatte ich das Privileg, allein mit Hildegard in einem Hotel in San Carlos zu wohnen, was regelmäßig zum gemeinsamen Frühstück führte. Wir saßen mit Blick auf die Straße, sahen die Menschen ihre Häuser verlassen, Wäsche wurde aufgehängt, Milch wurde ausgeliefert, Kinder und Hunde tollten herum, es wurde gerufen, gescholten, gescherzt und gelacht.
Diese Frühstücke, vielmehr die Gespräche mit Dir, liebe Hildegard, haben mich nicht nur viel gelehrt, sondern auch den ganzen Tag über getragen. Jedes Gespräch auf unserer oft dichten Tagesordnung, jedes Projekt und vor allem die Kontakte mit den San Carleños haben gezeigt, dass Du den Talmudspruch: „Gedanken werden Worte, Worte werden Gefühle, Gefühle prägen Gewohnheiten, und Gewohnheiten formen den Charakter“ verinnerlicht hast.

Liebe Hildegard, diese Gedanken können Dein Wirken nur schlaglichtartig beleuchten. Viel gäbe es noch zu erzählen, aber das heben wir uns für ein andermal auf. Heute zeichnet dich die Stadt aus für Deine Verdienste um die Städtepartnerschaft mit San Carlos.
Dank Deiner Umsicht, Deinem klaren Blick und Urteilsvermögen wurde aus Partnerschaft Freundschaft.
Der Ältestenrat hat einstimmig beschlossen dieses Engagement mit dem Ehrenbrief der Stadt Erlangen auszuzeichnen.
Er hat folgenden Wortlaut:
Die Stadt Erlangen verleiht Dr. Hildegard Jurisch in dankbarer Anerkennung ihrer besonderen Verdienste auf dem Gebiet der Städtepartnerschaften diese Urkunde
 

29.09.2015
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