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Archiv "Partnerstädte"

Arrividerci, Venzone!

Kommt man heute, 40 Jahre nach dem verheerenden Erdbeben, das die Zeitungen einen "Höllentag für den Friaul" nannten, in Venzone an, findet man immer noch zum Teil sogar absichtlich sichtbare Spuren dieser Naturkatastrophe, der im Mai und September 1976 in der 2.300-Seelen-Gemeinde 47 Menschen zum Opfer fielen. Doch vor allem erlebt man diese Spuren in den Geschichten der Venzonesi wie des pensionierten Polizisten und heutigen Gemeinderats, Franco d'Angelo, und seiner Frau, Alda, beschäftigt im Finanzamt und tätig als Leiterin des Altenheims, die damals wie durch ein Wunder überlebten, als hinter ihnen das Haus einstürzte, und die nun seit 40 Jahren verheiratet sind. Oder man kann nachvollziehen, was geschehen sein muß, wenn man in der Ausstellung zu jenem einschneidenden Ereignis ein Bild vom heutigen Bürgermeister, Fabio di Bernardo, sieht, der mit seiner Familie als kleiner Junge vor einem Zelt steht und gestern Bürgermeisterin Susanne Lender-Cassens auf dem "Erlanger Hof" begrüßte.

Fabio di Bernardo und Susanne Lender-Cassens im Cortile dErlangen

Großartige Arbeit wurde hier vollbracht, wenn Einheimische auch gern noch die doppelte Stadtmauer mit dem Graben oder die noch immer verfallene Kirche vor dem Altenheim vollständig restauriert sähen. Stein für Stein, fein säuberlich nummeriert, setzte man wieder aufeinander, fügte man erneut zu den ursprünglichen Gebäuden zusammen: zum Dom aus dem 14. Jahrhundert, zum 100 Jahre jüngeren Rathaus, zu den Patrizierhäusern und Stadtpalais, zu den Mauern und Himmelstreppen, die in ihrem Ensemble ein einzigartiges Zeugnis vom Lebensmut dieser Menschen geben - und zu einem historischen Monument von staunenswerter Pracht geworden sind.

Susanne Lender-Cassens und das Lavendel-Rad

Erlangen kann stolz sein auf diesen Freundschaftsort, dem auf Anregung von Pfarrer Wolfgang Will seine Gemeinde St. Theresia umfangreiche Hilfe leistete. Der Geistliche war es denn auch, der in seiner Funktion als Stadtrat erfolgreich beantragte, Venzone beim Wiederaufbau des beim zweiten Beben im September 1976 eingefallenen Altenheims mit einer Spende zu helfen. Eine Unterstützung, die bis heute hier ebenso unvergessen bleibt, wie die vielen Bürgerbegegnungen und Jugendtreffen.

Susanne Lender-Cassens und Fredi Schmidt

Und so bleibt man denn nicht lange alleine in Venzone, wenn man aus Erlangen kommt, auch wenn es, wie im Fall von Susanne Lender-Cassens, der erste Besuch ist. Überall wird man angesprochen, kaum jemand, der mit der deutschen Freundschaftsstadt nichts anzufangen wüßte, nicht schon dort auch selbst gewesen wäre. Und als wäre das nicht schon genug, gibt es hier mit Daniela Pascolo auch eine Gemeinderätin, die nicht nur ausgezeichnet Deutsch spricht, sondern überdies die Geschichte ihrer Heimat wie kaum eine zweite kennt.

Daniela Pascolo, Susanne Lender-Cassens und Corinna Madrassi

Vielleicht ist es ja auch zwischen Erlangen und Venzone so, wie zwischen dem Ehepaar Franco d‘und Alda Zamolo, das der Schrecken der Vergangenheit gedenkt und das Leben feiert, weil man glaubt, eine höhere Macht - man nenne sie Gott, Schicksal oder Fatum - habe einen zusammengebracht. Alles, was man hier erlebt, spricht jedenfalls dafür.

Franco dAngelo und Alda Zamolo

In festlicher Würde beging man den gestrigen 40. Jahrestag des Erdbebens in Venzone und in freudiger Erwartung von Staatspräsident Sergio Mattarella, der sich eine ganze Stunde Zeit nahm für den Besuch des noch immer von der Katastrophe gezeichneten Ortes in den Julianischen Alpen. Begleitet wurde die Visite vom staatlichen Sender RAI, der das Geschehen direkt ins ganze Land übertrug, Interviews mit Zeitzeugen machte, Rückschau auf das unfaßbare Geschehen hielt, dessen Ausmaß nur erahnt werden kann, wenn man die schrecklichen Bilder mit Särgen und verzweifelten Hinterbliebenen oder die erschütternden Ansichten der eingestürzten Häuser und Kirchen betrachtet.

Fabio di Bernardo und Sergio Mattarella

Ein wenig stolz ist man auch an dem Tag in Venzone, denn der Staatspräsident, der die Gastgeber unter großem Applaus in der furlanischen Landessprache begrüßte, hätte auch anderen Orten im Friaul so viel Aufmerksamkeit widmen können. Doch Erlangens Freundschaftsstadt zeichnet sich wohl besonders aus: So groß Leid und Schmerz damals gewesen sein müssen, so groß erwies sich auch die Hilfsbereitschaft nicht nur seitens anderer italienischer Städte, sondern auch aus dem Ausland, von Saudi Arabien über Neuseeland bis hin zu Luxemburg. Die italienisch-amerikanische Gesellschaft aus Louisana hat sogar das Geld für den Bau eines neuen Verwaltungsgebäudes gegeben. Und so pflegt denn Venzone auch bis heute freundschaftliche Verbindungen in alle Welt, wofür hier der Hinweis auf die Anwesenheit des Generalkonsuls von Kanada oder von Bürgermeister Adi Meixner aus Preding in der Steiermark genügen möge.

Ansicht von Venzone

Erlangen hat sich seinerzeit, hauptsächlich vertreten durch die Pfarrgemeinde St. Theresia, besonders um den Aufbau des Altenheims gekümmert, an dessen Stelle vor dem 6. Mai 1976 bereits ein Siechenhaus gestanden hatte, eingerichtet von einem Mäzen mit der Auflage und unter der Androhung eines Fluches, Haus und Grundstück auf ewige Zeiten ausschließlich zum Wohle Bedürftiger zu nutzen. Ganz in diesem Geist besuchte denn auch Bürgermeisterin Susanne Lender-Cassens diese Einrichtung mit 36 Plätzen und überreichte im Auftrag des Freundeskreises Venzone von St. Theresia zwei Pakete mit Lebkuchen als Zeichen der Verbundenheit.

Susanne Lender-Cassens bei der Übergabe der Spenden von St. Theresia an das Altenheim in Venzone

Wie ernst man diese vierzigjährige Verbindung hier nimmt, war denn auch beim abendlichen Gedenkgottesdienst zu hören, wo stellvertretend für all die vielen Freunde und Helfer in aller Welt Erlangen genannt wurde. Eine Ehre, die man hier wie dort als Verpflichtung auffassen darf, die engen Bande auch in Zukunft zu pflegen.

Adi Meixner und Susanne Lender-Cassens

Noch einmal hatte Venzone gestern hohen Besuch, angeführt von der Präsidentin der Provinz Friaul-Julisch Venetien, Debora Serracchiani, die in Erlangens Freundschaftsstadt gekommen war, um mit der regionalen Universitäts- und Katastrophenschutzleitung sowie der Gemeinde den Vertrag zur Einrichtung eines Schulungszentrums für Erdbebenhilfe zu unterzeichnen, ein, wie Bürgermeister Fabio di Bernardo stolz betont, europaweit einzigartiges Ausbildungszentrum. Man hat gelernt aus den Erfahrungen vor 40 Jahren, und man will vorbereitet sein, wenn der Ernstfall wieder eintreten sollte. Dann will man gerüstet sein nicht nur für den eigenen Ort, für den Friaul oder Italien, sondern über Expertise verfügen, die auch anderen erdbebengefährdeten Regionen Europas hilfreich sein kann.

Fabio di Bernardo, Debora Serracchiani und Susanne Lender-Cassens

Der letzte Besuchstag von Bürgermeisterin Susanne Lender-Cassens gehörte aber auch dem Gedenken an die 47 Todesopfer vom 6. Mai 1976, die auf dem Friedhof von Venzone beigesetzt sind, für die ein Mahnmal errichtet wurde, deren Namen in einem eisernen Buch für alle Ewigkeit stehen, die Gesichter auf den Grabsteinen haben.

Friedhof von Venzone

Und die Begegnungen endeten mit der Einladung der so aufmerksamen Gastgeber nach Erlangen, um die nun vier Jahrzehnte währende Freundschaft zu bekräftigen und erneuern, vielleicht schon im Herbst diesen Jahres.

Susanne Lender-Cassens und Fabio di Bernardo

Venzone gilt nicht von ungefähr als eines der schönsten Dörfer Italiens und hält, was es auf der eigenen Homepage verspricht, eine "gute Stube hinter Mauern" zu bieten. Man fühlt sich vom ersten Augenblick an wohl hier, genießt das eigene Flair, schließt die Menschen ins Herz - und kommt bestimmt gern wieder, etwa zum Lavendelfest oder zum Kürbismarkt, vor allem aber, um Freunde wiederzusehen. Arrividerci, Venzone!

Peter Steger, 5. bis 7. Mai 2016

09.05.2016
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