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Kriegskinder für den Frieden – ein Projekt zu 75 Jahre Kriegsende zwischen Erlangen und Wladimir

Angeregt hat das Projekt „Kriegskinder“ schon im Herbst vergangenen Jahres Ludmila Bundina, Stadträtin in Wladimir. Selbst ohne Eltern im Waisenheim Susdal, in der Nähe der russischen Partnerstadt, aufgewachsen, lernte die Kommunalpolitikerin früh, selbst anzupacken und gründete im Dezember 2010 in Wladimir die Organisation „Kriegskinder“, aus der schon ein halbes Jahr später ein landesweit agierender Verband wurde, dem sie vorsteht.

Das Schicksal derer, die zwischen dem 22. Juni 1928 und 3. September 1945 geboren, das Unheil des Zweiten Weltkrieges sowie der harten Jahre danach, geprägt von Entbehrung, Hunger, Verlust der Angehörigen und den Folgen des anschließenden Kalten Krieges, zu durchleiden hatten, steht im Mittelpunkt dieser Nichtregierungsorganisation.

Derzeit widmet sie sich dem Projekt, die Erinnerung jener Generation aufzubewahren: in Form von Briefen, Bildern, Gegenständen und sogar mit einem eigenen Museum. Zum 75. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkriegs war die Idee, einen Erinnerungsband, ergänzt durch Beiträge aus Erlangen, herauszugeben.

Der Städtepartnerschaftsbeauftragte, Peter Steger, startete den Aufruf an alle, die als Kinder den Krieg und die Wirren danach erlebten, ihre Wahrnehmungen und Empfindungen von damals auf ein bis zwei Seiten aufzuschreiben. Dem folgte gerne auch Anette Christian, Vorsitzende des Erlanger Seniorenbeirats und eine große Freundin der Partnerschaft, und empfahl den Kontakt zu dem einen oder dem anderen Gremiumsmitglied.

Leider kam der geplante Druck in Wladimir aufgrund der Corona-Krise nicht mehr zustande, aber die gesammelten Erinnerungen erscheinen seit Monaten nach und nach im persönlichen Blog „Erlangen-Wladimir“ von Peter Steger.

Um Lust auf mehr zu machen, hier Geschichten von Seniorenbeirats-Kriegskindern in kurzen Auszügen mit den Links zu den kompletten Berichten:
 
Hella Reinke – „Das Wunder mit dem verwundeten Vater“:

„Als 1945 die ersten Amerikaner in Erlangen mit ihren Panzern einzogen, hatte ich Angst. Ich war auch sprachlos, als ich das erste Mal einen farbigen Soldaten sah. Er sprach mich ganz freundlich an und sagte „Hallo, girl“ und reichte mir Schokolade herab vom Panzer. Es war meine erste Schokolade, die ich in meinen Leben gegessen habe. Ich kann mich gut erinnern, wie die Amerikaner ihre Wäsche den deutschen Frauen zum Waschen gaben. Im Gegenzug erhielten wir Seife, Süßigkeiten usw. Mein Vater wurde in den letzten Kriegstagen noch schwer verwundet, er hatte einen Bauchschuß. Wir wußten gar nichts vom ihm. Aber es war wie ein Wunder, mein Vater ist ein Jahr später wieder nach Erlangen gekommen, und er ist von Polen aus zu Fuß nach Hause gelaufen.
Ich hoffe sehr, daß es niemals mehr zu einem Krieg kommen wird“.

Ursula Rechtenbacher – „Ein Kind versucht, sich zu erinnern“:
 
„In meinen Erinnerungen ist aber sehr-sehr deutlich der Schmerz zu fühlen, was es hieß: Andere Männer, andere Väter kamen wieder zurück, unser Vater nicht! Unser Leben im Alltag war durch die Solidarität, die wir erfahren durften, einigermaßen gesichert. Eine fast schwerere Zeit sollte uns mit der „Nachkriegszeit“ erwarten. Doch bis zum Kriegsende war’s noch ein harter Kampf: Beim nächtlichen Fliegeralarm mußte jeder seine Siebensachen packen und entweder den Luftschutzkeller im eigenen Haus oder einen „Stollen“ im nahegelegenen Areal aufsuchen. Wenn es weit nach Mitternacht zu Ende war, gab’s Extra-Tee und eine Sonderration Butter und Marmelade auf einer Scheibe Brot, und die Schule fing eine Stunde später an“.
 
Walter Ross: „Eine zu Tröstende Kindertage-Erinnerung“:

„Es war im Frühjahr 1942 in einem westlichen Vorort von Frankfurt am Main. Dem dort niedergelassenen praktischen Arzt hatte man die Sprechstundenhilfe für den Einsatz in einem Lazarett genommen. Jetzt war der Dr. R. für Sossenheim, Sulzbach, Eschborn, zwei SA-Siedlungen und 85 französische Kriegsgefangene = 10.000 Menschen zuständig und des Arztes Ehefrau mit drei Kindern (zehn, acht und vier Jahre alt) war auch noch Dr.-Assistentin. Der Dr. setzte die NSV (National-Sozialistische Volkswohlfahrt) unter Druck, drohte mit Arbeitsstundenabrechnung und hatte einen Monat später die Zuweisung einer weiblichen Person zur Entlastung im Haushalt.
 
Wer da gebracht wurde, war knappe 160 cm groß, braunäugig, pausbackig, völlig verschüchtert, ohne Fremdsprachkenntnisse.
 Auf dem Transportschein stand:
16 Jahre alt, Fremdarbeiterin
MODJA KURILKO aus Dorf LEPISKE, Kreis Solotonoscha, Ukraine in der UdSSR“.

 
Isolde Weinicke: „Vom Altvatergebirge nach Erlangen“ (aufgezeichnet durch Enkelin):

„Mehr als drei Millionen Sudetendeutsche wurden nach dem Zweiten Weltkrieg aus der Tschechoslowakei vertrieben. Viele fanden in Bayern, damals amerikanische Zone, ein neues Zuhause.
Viele Menschen wurden brutal aus ihrer Heimat vertrieben und bekamen kaum Zeit, sich vorzubereiten. Meine Großmutter schildert die Situation aber anders. Die Bewohner des Altvatergebirges hatten eine gewisse Frist, sich darauf vorzubereiten, ihr Zuhause zu verlassen. Man bekam mit, wenn wieder Leute abtransportiert wurden. So konnte man sich schon denken, daß man auch bald selber dran sein würde. Es hatte keinen Zweck, sich zu widersetzen. Man mußte sein Zuhause und einen Teil seines Lebens aufgeben. Es bedeutete, die Kontrolle über sich und sein Schicksal abgeben zu müssen.
Im Sommer 1946 wurde die Familie meiner Oma ausgewiesen. Alle packten ihre Kleidung in Kisten und Säcke und wurden anschließend abgeholt. Auf Bauernfuhrwerken transportierte man sie in ein Sammellager. Von dort aus ging die Reise weiter mit einem Viehtransporter, in den eine bestimmte Anzahl Menschen eingeladen wurde“.

 
Diese und viele andere Geschichte sind unter https://erlangenwladimir.wordpress.com Suchwort „Kriegskinder“ zu lesen.

20.07.2020
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