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Dinah Radtke: Die Vorreiterin der Inklusionsarbeit

Die neue Vorsitzende des Seniorenbeirats, Dinah Radtke, im Portrait von Georg Pöhlein: Starke Frau für starke Rechte der Menschen mit Behinderung. Eine Geschichte ohne gleichen.

Wenn man ihr begegnet, sei der Himmel blau oder grau, geht die Sonne ein zweites Mal auf. Immer ist sie in leuchtenden Tönen gekleidet. Rot, Orange, und so warm wie die Farben ist ihr Lächeln. Sie kommt auf einen zugerollt, meist begleitet von Alina, einer Hundedame.

Sie erkrankte als Kind an Spinaler Muskelatrophie und konnte nicht mehr laufen. Ihr Vater musste sie zur Schule fahren. Mit zwölf blieb sie zu Hause und hat für ihre drei Schwestern mitgesorgt. „Weil meine Eltern nicht wussten, wie lange ich noch leben werde.“ Sie hat Romane gelesen, um die Langeweile zu betäuben. Tanzen, Reiten, Fechten, die zwei älteren Schwestern konnten das. „Und du kannst nicht.“ Diese Muskelkrankheit wird rezessiv vererbt, sie machte sich im Alter von drei Jahren bemerkbar. Mit 14 Jahren konnte sie überhaupt nicht mehr laufen. Ihre kleine Schwester erkrankte daran auch, konnte aber länger zur Schule gehen. So war Dinah zu Hause, besuchte die Volksschule nur bis zur vierten Klasse.

Als sie 18 wurde, kam das Telekolleg. Diese Möglichkeit wollte sie nutzen, um die mittlere Reife nachzuholen. Die Eltern unterstützen sie. Die Unterrichtsmaterialien bekam sie zugeschickt, die Kurse liefen im Fernsehen. Alle drei Wochen musste sie nach Bayreuth in die Berufsschule gefahren werden. Nach drei Jahren legte sie dort die Abschlussprüfung ab.

Mit 21 dachte sie, dass sie nun Sprachen lernen und dann Kindern Nachhilfe geben könne, die zu ihr ins Haus kommen. „Ich wollte unbedingt selbstständig sein, wollte nicht von meinen Schwestern abhängig sein.“ In Füssen finden sie eine Fremdsprachenschule mit angegliedertem Internat. Dort gab es drei Zimmer im Erdgeschoss, deswegen konnte sie dort wohnen.

Erst lernt sie ein Jahr lang Englisch für Fremdsprachenkorrespondenz, danach Französisch. In Erlangen setzt sie die Ausbildung fort. Findet ein Zimmer im Souterrain, ganz in der Nähe zum Fremdspracheninstitut. Zum Eingang dort führte eine Treppe hoch, ein unüberwindbares Hindernis für sie. Vor Unterrichtsbeginn wartet sie deshalb vor den Stufen auf ihre Mitschüler, die sie ins Klassenzimmer tragen. Da es keine Toilette für sie gab, trinkt sie vor Schulbeginn nur wenig.

Eine junge Mutter, die neben ihr sitzt, überredet sie, die Fremdsprachenkurse in der Uni zu besuchen, weil man dort mehr lernen könne. Sie erkundet für Dinah den Weg ins Gebäude. Die einzige Zufahrt mit dem Rollstuhl führte über eine steile Schräge zum Kellereingang. Dort brauchte sie Hilfe zum Öffnen der schweren Türen, dann erst konnte sie bis zum Aufzug gelangen. Schließlich wurde für sie eine Rampe zum Haupteingang gebaut. „Es war hart, weil ich sehr isoliert war. Alle haben Angst gehabt, meine Behinderung hat ihnen große Scheu eingeflößt. Ich musste immer den ersten Schritt tun, wenn ich Kontakt haben wollte.“ Wenn sie telefonieren wollte, musste sie jemanden ansprechen, der ihr in der Telefonzelle die Münzen einwarf, die Nummer wählte und ihr den Hörer hinausreichte. Ihre Vermieterin gestattete nicht, dass ein Telefonanschluss gelegt wurde, sie hatte Angst um ihre Wände, die ja bei der Montage beschädigt würden. Auch um die Matratze bangte sie wie auch um die Stühle, die von Besuchern nur durchgesessen würden. „Dabei war ich so froh, wenn jemand zu Besuch gekommen ist“, sagt Dinah. Schließlich wird ihr gekündigt. Sie braucht eine neue Wohnung, eine barrierefreie Wohnung. Mit ihrer Freundin Sissi, die auch im Rollstuhl sitzt, suchen sie in Erlangen nach geeigneten Häusern mit ebenerdigem Zugang. Die Suche hat keinen Erfolg. Sissi schlägt vor, den Oberbürgermeister anzusprechen. Beide werden von ihm und dem Referenten für Wohnungswesen empfangen. Sie haben den richtigen Weg und einen günstigen Zeitpunkt gewählt. Ein Wohnmodellprojekt für Senioren und Behinderte soll gestartet werden, das von Bund, Land und der Stadt getragen wird. Doch dafür sei sie zu jung, meint der OB, man wolle aber sehen, was sich tun lasse. Schließlich bekommt sie 1977 dort als Erste eine Wohnung, zieht ein und wohnt noch heute darin.

1977 gründet sie die Studenteninitiative Behinderter StiB, zusammen mit Sissi Uhl, deren Bruder Wolfgang und anderen. Sie bewundert das Selbstvertrauen der Geschwister, gleichzeitig macht es sie traurig, weil sie selbst von ihren Eltern solche Unterstützung nicht erfahren hat.

Zehn Jahre später gründen sie und Wolfgang und andere das ZSL, das Zentrum für Selbstbestimmtes Leben Behinderter. Nun ist sie ständig im Einsatz für die Belange von Menschen mit Handicap. „Ich wollte, dass es anderen Behinderten nicht so geht wie mir, das war mein Antrieb.“

Sie erzählt von der Fahrt nach München zum Flughafen, wo sie Niederflurbusse besichtigten. Diese gab es dort schon lange, nur im öffentlichen Nahverkehr wurden sie nicht eingesetzt, obwohl es doch viele Behinderte gab nach dem Krieg. Aber die Kriegsversehrten hatten ein schwaches Selbstbewusstsein – der verlorene Krieg –, die verlangten keine Veränderungen in Sachen Städtebau und Mobilität, sagt Dinah. Und man wollte das „Elend“ nicht sehen. Heime wurden an den Stadtrand gebaut, damit die Leute nicht mit Behinderung konfrontiert wurden – hat ja auch Angst gemacht, sagt sie. Schmunzelnd erzählt sie, dass bei der Führung jemand fragte, warum sie denn Bus fahren wolle, er habe noch nie Leute mit Rollstuhl im Bus gesehen.

Die Bürgerrechtsbewegung der Schwarzen in den USA, die Studentenbewegung in Deutschland und vor allem die Frauenbewegung bestärkten ihr Selbstbewusstsein. Sie wollten sich nicht mehr alles gefallen lassen. Sie begannen für einen barrierefreien Nahverkehr zu demonstrieren, für ihr Lebensrecht. Sie wandten sich gegen die Lebenshilfe und gegen Elternvereine, die sie bevormunden wollten. „Wir haben uns stolz ‚Krüppel’ genannt. Ich bin ein Krüppel – und ich bin stolz darauf.“ Es war auch ein Kampf gegen die Scham, die sehr groß war. Ihre Mutter habe sich immer sehr geschämt, weil sie Töchter geboren hatte, von denen zwei behindert waren. Mutter war wohl geprägt von der Propaganda im Nationalsozialismus, meint Dinah.

„Du kannst aber nicht leben, wenn du dauernd denkst, dass du dich schämen musst, oder wenn nur deine Defizite gesehen werden. Natürlich hat jeder Mensch ganz viele positive Seiten, Stärken und Fähigkeiten. Dass diese Fähigkeiten gesehen werden, das fängt nun langsam an. Dass man sieht, dass behinderte Menschen das Leben in der Gesellschaft auch bereichern.“
Dies ist ihre Antwort auf Körperkult und Perfektionismus, auf Machbarkeitsglauben und das Allmachtsdenken in der Medizin.

„In der Gesellschaft hast du auf der einen Seite die Behindertenrechtskonvention und die Menschenrechte, auf der anderen Seite Pränatal-Diagnostik und Sterbehilfe. Dass man ja nicht zu lange lebt und der Gesellschaft Kosten verursacht ... dass suggeriert wird, dein Leben ist nicht mehr lebenswert.“

Und sie kritisiert: „Dadurch, dass so viel medizinisch machbar ist, verlieren wir vielleicht oft dieses ethische, menschliche Bewusstsein, damit umgehen zu können. Ich denke, dass man nicht alles machen darf, was machbar ist. Weil das dann nicht mehr menschlich ist, weil wir dann unsere Menschlichkeit verlieren. Und Behinderung gehört zum Leben, ganz normal, Behinderung ist auch ein Aspekt, der das Leben menschlicher macht. Damit müssen wir umgehen, genau wie man sich mit Älterwerden und Sterben befassen muss. Das dürfen wir nicht aus dem Blick verlieren. Unsere Gesellschaft muss wirklich solidarisch sein mit allen Mitgliedern, ob sie nun anders sind oder nicht, ganz unabhängig von Behinderung. Eine Gesellschaft lebt durch ihre Vielfalt. Das ist ja auch der Inklusionsgedanke, dass alle teilnehmen können, dass man niemanden ausschließt.“

Dinah Radtke - Foto Georg Pöhlein

Foto: Georg Pöhlein

Wie war dein Verhältnis zu den Eltern? „Ich war lange Zeit im Zwist, weil ich wütend war, dass ich nicht in die Schule gehen konnte. Hab das ja auf dem zweiten Bildungsweg nachgeholt. Mein Vater war Neurologe, der dachte, dass ich vielleicht mit 12 sterbe und sich das dann vielleicht nicht lohnt. Das hab ich aber erst später mitgekriegt. Die Pubertät war schwierig, weil ich zu Hause wohnte. Wir lebten im 1. Stock. Die Treppe musste ich rauf- und runterkrabbeln, anders bin ich nicht rausgekommen. Ich hab mich wahnsinnig geschämt, war ganz schüchtern. Hab dann immer Frühstück vorbereiten geholfen. Meine Mutter war herzkrank, hab mich gekümmert, hab versucht, sie zu unterstützen. Bis ich Mitte 30 war, war ich unglücklich darüber, wie meine Eltern für mich entschieden haben. Dann aber konnte ich verstehen, dass sie versucht haben, das Beste für mich zu tun. Auch dass es für sie ganz schwierig war, dass mein Vater als Chefarzt uns behinderte Kinder von der Schule mit dem Auto abholen musste, und wenn noch etwas auf der Station zu tun war, sich verspätet und abgehetzt hat. Das hab ich alles erst später verstanden. Konnte mich dann versöhnen. Meine Mutter fragte mich vor ihrem Tod, ob sie alles richtig gemacht habe. Natürlich, hab ich dann gesagt, du hast das Beste gemacht. Die Pubertät – wenn die Sache mit den Jungs anfängt und deine Schwestern haben die ersten Freunde, und ich hatte nicht mal Schulfreundinnen, ich hatte nur meine Schwestern – das war eine schwierige und traurige Zeit für mich. Vor allem, wenn die Mutter dann noch sagt: ‚Männer sind nichts für dich. Du bist eine höhere Tochter. Deine Schwestern werden sich um dich kümmern.’ Das ist dann natürlich hart, wenn du siehst, es wird nicht geglaubt, dass du einmal für dich selber sorgen kannst, und wenn du nicht als Frau gesehen wirst, sondern nur als Behinderte und als Last. Andersrum war das auch ein starker Antrieb, dass ich mein Leben für mich selber organisieren wollte, deswegen habe ich mich auch so für Frauen mit Behinderung eingesetzt und für die Verbesserung der Lebensbedingungen für behinderte Menschen.

Meine Mutter hatte vier Mädchen, beim vierten Mädchen hat sie geweint, weil es immer noch kein Bub war. Buben waren das Höchste. Und Mädchen waren ja eigentlich nichts wert. Schon meine Oma hatte drei Mädchen. Hat aber dann doch gesagt, wenn sie einen Sohn gehabt hätte, dann wär der sicher im Krieg geblieben. Also Mädchen waren in meiner Familie nicht viel wert. Und behinderte Mädchen schon gar nicht. Wie gesagt, die Zusammenhänge habe ich erst später verstanden.

Vor dreißig Jahren wollten nichtbehinderte Frauen nichts mit behinderten Frauen zu tun haben. Bei unseren ersten Anträgen beim Bund, beim Frauenministerium, wurde gesagt: Gehen Sie doch zum Gesundheitsministerium, wir sind nicht zuständig. Da wurde dir das Label ‚behindert’ angehängt, du wurdest nicht als ‚Frau’ gesehen. Damals gab es eine starke Protestbewegung der Behinderten – die Krüppelbewegung –, da wurden von uns Bücher veröffentlicht, z. B. ‚Menschenrechtsverletzungen im Sozialstaat’ oder ‚Geschlecht behindert, besonderes Merkmal Frau’, das kommt aus der Behindertenfrauenbewegung.

Es war so und ist sicher immer noch so, dass behinderte Männer stets mehr gegolten haben als behinderte Frauen. Behinderte Männer fanden immer viel leichter eine Partnerin oder einen Partner als behinderte Frauen. Denn Frauen sind fürsorglicher und gucken nicht so auf’s Äußere. Behinderte Männer suchten sich bewusst nichtbehinderte Frauen – damit die sie auch versorgen können. Und die nichtbehinderten Männer wollten natürlich keine behinderten Frauen, weil Frauen ja auch ein Statussymbol sind. Sie wollten eine Versorgerin, jemanden, der kocht, Kinder kriegt, gesunde Kinder kriegt, und einen Beruf ausübt, also dazuverdient, ganz konventionell.

Wir haben dann viele Frauenprojekte gemacht, ein Bundesnetzwerk behinderter Frauen gegründet und in den Bundesländern Netzwerke geschaffen. Der Anfang war schwierig, weil wir nicht als Frauen gesehen wurden, sondern als Behinderte, und das war nicht nur in den Ministerien so, sondern auch bei den nichtbehinderten Frauen, den Feministinnen.

Unser Spruch war: ‚Behindert ist man nicht, behindert wird man.’ Es ist ein gesellschaftliches Problem. Die Gesellschaft muss die Barrieren abschaffen, damit wir nichtbehindert am Leben in der Gemeinschaft teilnehmen können. Natürlich haben wir Einschränkungen, aber die Behinderung entsteht durch die Gesellschaft. Behinderung ist kein individuelles Problem, sondern ein gesellschaftliches Problem.

Deshalb ist es wichtig, dass Behinderte am Leben teilnehmen, damit die Angst vor Behinderung, vor dem Anderssein abnimmt, damit Nichtbehinderte verstehen, dass wir eine gute Lebensqualität haben können, dass wir Freude und Spaß am Leben haben, wenn wir teilhaben können, wenn wir Chancengleichheit haben. Uns geht es um Menschenrechte und um Antidiskriminierung. Deswegen gab es auch vor 30 Jahren das Krüppeltribunal.

Franz Christoph – Publizist und Mitbegründer der „Krüppelbewegung“ – ohrfeigte 1981 den Bundespräsidenten Carstens bei einer öffentlichen Veranstaltung und erklärte dann, er werde diskriminiert, weil er wegen seiner Behinderung nicht eingesperrt wird. Von uns wurde seine Aktion so kommentiert: ‚Der Hieb zielte auf die verlogenen Gönner, die von Integration und Miteinander redeten, die aber die offene und versteckte Diskriminierung behinderter Personen nicht wahrhaben wollten.’

Franz Christoph, ein sehr kluger Mann, sehr provokativ, hat die Leute ganz schön fertiggemacht. Aber das war sehr gut für unsere Bewegung; das hat auch uns aufgerüttelt. Man braucht einfach solche Leute.

Hier in Erlangen waren wir Behinderten gespalten: in Leute, die gesagt haben ‚Ich bin ein Krüppel’, und solche, die meinten, ‚um Gottes Willen, das kann ich doch nicht sagen’. Auf der einen Seite also Angepasste, die sagten, wir müssen die Nichtbehinderten mit einbeziehen, und auf der anderen Seite solche, die sagten, wir brauchen einen Bereich, in dem nur Behinderte entscheiden können. Das waren harte, tolle, spannende Zeiten.“

Als Dinah Radtke nicht mehr laufen konnte – mit 14 –, war sie eine Zeitlang bei ihrer Patentante auf dem Land. Deren Nachbarin war Bäuerin und nahm sie mit aufs Feld; hat Dinah auf den Rücken genommen und wieder auf die Erde abgesetzt. Diese unkompliziert zupackende Art hat ihr imponiert.

Es scheint, als habe sie dieses Huckepacknehmen auf sich selbst und ihre Mitstreiterinnen und Mitstreiter angewendet. „Wenn es nicht anders geht, muss man sich selbst helfen“, sagt sie. Und bringt ein Beispiel: Einmal wollte sie an einer Tagung teilnehmen und mit dem Flugzeug nach Budapest fliegen. Als sie buchen wollte, sagte man ihr, dass Behinderte nur mit Begleitperson reisen dürften. Sie erwiderte, dass zu diesem Termin keine ihrer Freundinnen Zeit habe. Dann solle sie doch ihre Mutter mitnehmen, sagte man ihr. Sie lächelte, dann hätte sie ja auch noch auf die Mutter aufpassen müssen. Weil ihr also der Flug verweigert wird, entschließt sie sich, mit dem Auto nach Budapest zu fahren.

2016 hat die Stadt Erlangen Dinah Radtke die Ehrenbürgerwürde verliehen:
„Als Vorreiterin der Inklusionsarbeit hat Frau Radtke mit beispielhaftem Engagement die Interessen der Mitbürgerinnen und Mitbürger vertreten, die persönlich ein schweres Schicksal zu meistern haben. Dabei war ihre Aktivität nicht nur auf Erlangen begrenzt, sondern ihr Engagement war von dem Streben beseelt, weltweite Verbesserungen für Menschen mit Behinderung zu erreichen ...“

Der Seniorenbeirat dankt dem Autor und Fotografen Georg Pöhlein ganz herzlich für den Text und das Foto.


Text: Georg Pöhlein.

29.11.2021
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