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Kulturdialoge im Überblick

9. Erlanger Kulturdialoge 2018: "Der öffentliche Raum als Kunst- und Kulturraum"

Samstag, 17. März 2018 ,14–19 Uhr

Bürgerpalais Stutterheim, Marktplatz 1, 91054 Erlangen

Eine Veranstaltung des Referats für Bildung, Kultur und Jugend

Die Referentin für Bildung, Kultur und Jugend, Anke Steinert-Neuwirth, erläuterte in ihrem Impulsvortrag die Bedeutung sowie die Möglichkeiten des öffentlichen Raumes als Kunst- und Kulturraum. Der öffentliche Raum wäre ihr, so Steinert-Neuwirth, ein besonderes Anliegen. Hier würde man zusammenkommen, hier würden Diskus-sionen und im besten Fall kulturpolitische Diskurse entstehen:
„Kunst und Kultur ,(be-)zeichnen‘ unsere Stadt im wahrsten Sinne des Wortes. Sie prägen nicht nur das Stadtbild, sie sind zugleich auch Ausdruck eines Selbstverständnisses, wie wir den öffentlichen Raum für Kunst und Kultur nutzen und gestalten (wollen). Tagtäglich bewegen wir uns im öffentlichen Raum, hier halten wir uns auf, hier begegnen wir uns, auf Plätzen, in Grünanlagen oder bei Kulturver-anstaltungen, die draußen stattfinden. Wie nehmen wir eigentlich unsere Stadt als ,Kunst- und Kulturraum‘ wahr, was fällt auf, was wird vermisst, welche Potenziale sind in der Stadt möglicherweise ungenutzt? Diesen Fragen möchten wir in Form von Vorträgen, Workshops und offenen Gesprächsrunden unter den Teilnehmenden gerne nachgehen.“ (A. Steinert-Neuwirth)
Die 9. Erlanger Kulturdialoge haben deshalb das Thema aufgegriffen und die Kunst- und Kulturschaffenden sowie die interessierte Bürgerschaft eingeladen, ungewöhnliche Blicke auf den öffentlichen Raum zu werfen, Anregungen einzubringen und mitzudiskutieren.
Veranstaltungen wie die Kulturdialoge verstehen sich als Ideengeber, als Motor für weitere Entwicklungen. Hier können Wünsche geäußert, Handlungsbedarfe aufgezeigt und, in diesem Jahr Schwerpunkt, Methoden zur Eroberung des öffentlichen Raums erfahren werden.

1. Impulsvortrag und Workshop UNDERCOVER / Regina Pemsl und Anja Schoeller
forum 007 – Zukunftsagent*innen

Die Künstlerinnen Regina Pemsl und Anja Schoeller berichteten in ihrem Vortrag von Methoden partizipativer Kunstprojekte. Zu Beginn zeigten sie einen Kurzfilm über das Projekt Tag der Weber in St. Leonhard, Nürnberg:
Das künstlerische Handeln wird bei partizipativen Kunstprojekten zwischen die Menschen in den öffentlichen Raum gelegt, die Menschen zur Teilnahme aktiviert. Prozesse werden in Gang gesetzt, die kein festes Ziel haben bis auf das, die Wahrnehmung konkreter Orte in der Stadt für die Zukunft zu öffnen.
Der Workshop UNDERCOVER bediente sich der Methode „dordn hoggn“, die von Regina Pemsl und Anja Schoeller bereits in Nürnberg erprobt war. Die folgende Zusammenfassung ist von den Künstlerinnen selbst:

UNDERCOVER

Ausgangspunkt der Forschungen ist, trotz eisiger Temperaturen, den öffentlichen Raum in der nächsten Umgebung des Kunstpalais mit mobilen Stadtmöbeln, den Dordn Hoggern, zu untersuchen und nach Möglichkeit Dialogräume mit Passanten zu eröffnen. Wir operieren als Gruppe, um gemeinsam intensive Bilder zu kreieren.
Als Einstieg formieren sich die Dordn Hogger im Halbkreis vor dem Eingangsportal des Kunstpalais – eine Bühnensituation entsteht. Eine Besucherin ersteigt die Treppe, wir winken und sie winkt zurück, bevor sie das Haus betritt. Eine andere Passantin erkennt einen Teilnehmer und setzt sich (kurz) neugierig auf einen freien Platz.
Die Atmosphäre ist spielerisch, die Dordn Hogger entwickeln Eigendynamik und erobern den Brunnen. Im leeren Brun-nenbecken sitzt man windgeschützt, gewinnt neue Perspektiven auf den Platz, hat den Überblick, setzt sich selbst aber auch in Szene. Ein junges Paar folgt der Einladung, Teil der lebendigen Brunnenskulptur zu werden.
Nächste Anlaufstelle ist das Markgrafen-Denkmal, auf dem rundum zur Probe ghoggd wird – wie wäre es mit gegenüber sitzen?
Zwischen Brunnen und Denkmal formiert sich „mitten auf der Straße“ ein Kreis. Spontan akzeptiert uns ein abfahrender Marktstand als „Kreisverkehr“ und umrundet uns unter Applaus mit seinem Gespann.
Die Kälte fordert ihren Tribut und der zweite Workshop-Teil wird vorgezogen – das COVER kommt zum Einsatz. Ist es nur gefühlt im „Innenraum“ wärmer? Geräusche von außen werden stärker wahrgenommen und werfen die Frage auf, wie sicher wir drinnen sitzen.
Der Wind zerrt am Tuch. Aus einer Blickrichtung von außen gesehen, wird unsere UNDERCOVER-Skulptur zu einem denkwürdigen Sockel, über der der Markgraf schwebt – ein imaginärer Transport zwischen Vergangenheit und Zukunft scheint möglich …
Im Foyer des Kunstpalais reflektieren wir bei heißem Tee in der Dordn Hogger-Runde:
-   Kontaktaufnahme ist erstaunlich leicht möglich.
-   Voraussetzung ist eine einladende, spielerische Atmosphäre und ein ergebnisoffenes Vorgehen, das ungeahnte Energien, Assoziationen und Ideen freisetzen kann.
-   Die künstlerischen Handlungsformen ermöglichen persönliche Begegnungen auf Augenhöhe und neue Perspektiven.
-   Teilnahme und Teilhabe wird niedrigschwellig im direkten Tun angeregt.
-   Kleine Formate wirken einer „Eventisierung“ entgegen: Kommunikation statt Konsum
-   Ortsspezifische und thematische Anknüpfungen/Modifikationen künstlerischen Handelns aus dem Prozess heraus verhindern einen „Abnutzungsfaktor“.
- Künstlerisches Handeln im öffentlichen Raum kann „Werkzeug“ und Schnittstelle bei Planungs- und Beteiligungsverfahren sein.

Wir bedanken uns als Impulsgeberinnen bei allen UNDERCOVER-Agent*innen, die mit Neugier, Offenheit und Engagement die gemeinsamen Forschungen und Bilder co-kreiert haben, und der Leitung der Kulturdialoge für die Einladung und das Vertrauen zu offenen, künstlerischen Prozessen.
Regina Pemsl und Anja Schoeller, März 2018

2. Impulsvortrag und Workshop „Aktivierter Ort“
Hans Hemmert, Mitglied der Künstlergruppe „inges idee“

Hans Hemmert stellte einige Skulpturen der Künstlergruppe „inges idee“ vor und ging der Frage nach, wie Künstler*innen einen Ort mittels Kunst erfolgreich aktivieren: Kunst im öf-fentlichen Raum könne einen vorgefundenen Kontext verschieben, um den Blick auf andere Wirklichkeitsaspekte zu öffnen. Wenn das gelänge, würde der Ort interessanter und reicher.
Einige der vorgestellten Kunstwerke:
-   Zauberlehrling (tanzender Strommast), Oberhausen
-   Basketballfeld 3D, München
-   The Drop, Vancouver
-   Rotkäppchen und …, Potsdam
Hans Hemmert berichtete über die jeweilige Auseinandersetzung mit dem Ort, seiner Lage, seiner Geschichte und seiner momentanen Nutzung. Diese Auseinandersetzung müsse seiner Ansicht nach einer künstlerischen Aktivierung zwingend vorausgehen.
Deshalb schlug Hans Hemmert vor, für den Workshop über einen Ort nachzudenken, der den Erlangerinnen und Er-langern bekannt ist: den Röthelheimpark. Die Teilnehmenden waren also gefordert, für den Röthelheimpark eine Skulptur zu entwickeln.

Workshop: „Röthelheimpark-Wettbewerb – Reloaded“
Ausgangpunkt (fiktiv): Im Park steht keine Skulptur Hase.

Von den Teilnehmenden des Workshops wurden nun Wettbewerbsbeiträge zum Thema „Kunst im öffentlichen Raum: Röthelheimpark“ erarbeitet – unter der Maßgabe, sich gemeinsam über die Geschichte und die Besonderheit des Ortes auszutauschen und die Erkenntnisse in die Ergebnisse einfließen zu lassen.
Alle erarbeiteten Ideen haben den Bezug zur militärischen Vergangenheit und zum jetzt existierenden Wohngebiet mit Parkanlage. Die technische Realisierbarkeit, der beschränkte Wettbewerbsort und der finanzielle Rahmen des Etats konnten natürlich nicht berücksichtigt werden.

Einige Beispiele für die fiktiven Wettbewerbsbeiträge:
-   Ein Igel zum Hasen: Der Hase wird so aufgestellt wie bekannt. In einiger Entfernung steht ein großer Hartgummi-Igel. Die großen Stacheln sind aus Hartgummi, man kann sich als Mensch dazwischen legen. Der eigentlich ängstliche, flüchtende Hase ist aus Stahl, kantig und bewehrt – die aggressiven Stacheln des Igels dagegen sind aus Gummi.
-   Ein großes Hörrohr, 100 m lang. Verweis auf militärische Nutzung, z. B. in U-Booten. Form eines großen Regenwurms auf der Wiese. Gegenseitiges Sprechen auf großer Ent-fernung möglich.
-   Parcours: Kletter- und Hindernisparcours für die Bewohner*innen in einer Linie quer über das gesamte Gelände. Verweis auf das Übungs- und Ausbildungsgelände für die Solda-ten.
-   Bauchnabel: Auf einem hochgewölbten Teil der Wiese befindet sich eine Vertiefung in Form eines Bauchnabels. Er ist so groß und tief und mit Tartan belegt, dass man sich hineinlegen kann. Der Nabel steht für Geburt, Neuanfang, Zukunft und für „Sich- Zuhause-Fühlen“.
-   Die große blaue Ödland-Schrecke: Die dort ansässige Ödland-Schrecke wird als blaue Skulptur in abstrahierter Weise auf die Größe eines Militärfahrzeugs katapultiert und im zentralen Wettbewerbsort positioniert.
-   Riesige Picknickdecke: Garnierung mit Brotlaib, Glas und Buch – Tarnungsidee des Militärs, heutige Nutzung für Familien.
-   Schachbrett-Wasserspiele: Auf dem System eines Schachbrettes basierende Wasserspiele, Fontänen aus dem Boden schießend. Schachspiel als Reminiszenz an die militäri-schen Ideen des Spiels.
-   Audio-Installation zur Geschichte des Ortes: Im vorderen Bereich Audio-Hörstationen zu Militär, diese gehen sukzessive über in Audiobeiträge mit Thema Natur, je weiter man in das Gelände kommt. Die einzelnen Stationen funktionieren über Bewegungsmelder.
Weitere Ideen: riesiges Panzer-Rohr, Startbahn als Lichtobjekt, riesige Igel-Stacheln, Base-ballfeld als „Wellness-Oase“, Dünenlandschaft/Berge, Skilift, großer Regenwurm.

Ziel des Workshops war, die Aneignung eines Ortes und eines künstlerischen Schaffenspro-zesses für die Teilnehmenden erfahrbar zu machen. Der Prozess sollte durch Eigenkreationen vermittelt werden.
Weitere Ergebnisse (nach Unterhaltungen mit Teilnehmenden):
-   Eigenes Zutrauen in Beurteilung von Kunst im öffentlichen Raum ist gestiegen
-   Neugier auf Kunstwerke im öffentlichen Raum ist größer geworden
-  „Es hat einfach Spaß gemacht“

3. Thema konkret: Erlangen – Diskussionsrunden

Eine gemeinsame Themensuche mit den Teilnehmer*innen dieses Workshops ergab zwei Schwerpunkte und in der Folge zwei Diskussionsrunden:
1. Die Gruppe „Innnenstadt“ (Moderation: Laura Capalbo, Kunstvermittlung im Kunstpalais)
2. Die Gruppe „Stadtteile“ (Moderation: Anne Reimann, Kulturamt)

Gruppe 1: Innenstadt
Die Gruppe beschäftigte sich vor allem mit Plätzen in der Innenstadt, da diese die wichtigen öffentlichen Räume ausmachen. Die Problemanalyse erstreckte sich auf verschiedene Aspekte (fehlende Belebung, Verkehrsbelastung, Uneinheitlichkeit, keine historische Identität). Als sehr wichtig wurde stets die Identitätsstiftung gesehen (Gestaltung, Kunst, Programme). Ein Planungsbüro aufgrund der Wichtigkeit der Orte sah man als förderlich an. Weitere Ideen:
- Verkehrsreduzierung
- Entrümpelung (v. a. Rathausplatz)
- Entwicklung eines Konzepts, das eine Einheitlichkeit erkennen lässt (Stadtplanung). Ein-heitlichkeit ist NICHT gleich Langeweile!
- Künstlerwettbewerbe zur identitätsstiftenden Gestaltung der Plätze / jedes Jahr ein anderer Platz? => KUNST IN DIE INNENSTADT
- Dauerhaftes, qualitätsvolles Leitsystem für die Innenstadt, durch Künstler*innen gestaltet
- U. a. m. (s. oben)
Besondere Aufmerksamkeit erhielt der Vorschlag, ein Hugenottenstipendium einzurichten. Dies stünde der Stadt gut zu Gesicht, so die Gruppe. Ziel eines solchen Stipendiums könnte sein, in der Verknüpfung mit historischen Stadtelementen temporäre (künstlerische) Elemente zu entwerfen, die wiederum der Identitätsentwicklung dienten (Identität durch Kunst).
- Gestaltung einer modernen Stadt, die stolz auf ihr Erbe ist
- Künstlerische, moderne Umsetzung des historischen Erbes
Die Gruppe stellte sehr deutlich heraus, dass die Uneinheitlichkeit der Plätze einer Identifizierung mit ihnen/der Stadt nicht förderlich wären. Hier könnte die Kunst identitätsstiftend wirken, jedoch nur, wenn die anderen Parameter (Entrümpelung, Einheitlich-keit durch Stadtplanung, Verkehrsbe-ruhigung etc.) auch greifen würden. Die Gruppe wies darauf hin, dass der Erhalt von historischen Stadtelementen bzw. die Betonung der identitätsstiften-den Geschichte der Stadt keinesfalls ein Widerspruch zu vorwärts gerichte-ten Konzepten sei.
Alle Ideen und Vorschläge zielen darauf ab, den öffentlichen Raum zu beleben, die Aufenthaltsqualität zu verbessern und die Identifizierung und Beschäftigung der Menschen mit ihrer Stadt zu befördern.
Als besonderer Wunsch wurde geäußert, das ehemalige Landratsamt nicht zu privatisieren, sondern in eine kulturelle Nutzung zu überführen.

Gruppe 2: Stadtteile
Die Stadt wächst und somit natürlich die Stadtteile. Wo sind neue Zentren, werden sie geplant, entwickeln sie sich – und wenn ja, wie? Der Kunst wurde durch ihre Einzigartigkeit ein identifikatorisches Moment zugesprochen. Außerdem wäre Kunst ein Weg, um miteinander ins Gespräch zu kommen (vgl. Workshops 1 und 2).
Um Stadtteile und deren (mögliche) Zentren/Plätze zu beleben, seien, so die Gruppe, temporäre Ausstellungen mehrere Künstler*innen geeignet. Besonders gefiel die Idee, an ganz ungewöhnlichen Orten Ausstellungen zu realisieren, an Orten, die einem erst einmal gar nicht in den Sinn kämen.
Die Spiegelung der großen Festivals in die Stadtteile und dort in den öffentlichen Raum wurde sehr offen diskutiert. Man könne sich einen Tag „Kunst im öffentlichen Raum“ in einem Stadtteil sehr gut vorstellen, der unmittelbar mit dem laufenden Festival verbunden sei. Ziel sei nicht nur die Werbung, sondern vor allem die Begegnung der Menschen, die möglicherweise nicht zum Festival gegangen wären, mit den künstlerischen Festivalinhalten.
Musik-Pop-Ups bzw. der Wunsch, Stadtteilfeste künstlerischer auszurichten, waren Vorschläge zur Belebung der Stadtteile mit den Mitteln der Kunst und Kultur.
Eine weitere Idee war, die bereits vorhandene Kunst im öffentlichen Raum / Kunst am Bau sichtbar zu machen. Hier könne man sich ebenfalls eine temporäre Aktion vorstellen, beispielsweise ausgewählte Kunstwerke mit einem riesigen Holzrahmen zu umgeben, sodass sie auf den ersten Blick erkennbar wären. Auch mehr Führungen zu Kunstwerken im öffentli-chen Raum wurden gewünscht. Diese Vorschläge bezogen sich ausdrücklich auch auf die Stadtteile.
Viel Potenzial, vor allem viel Spaß wurde der Idee beigemessen, vorhandene Kunstwerke „weiterzuentwickeln“. Wie auch immer diese Weiterentwicklung aussähe, man könne sich vorstellen, dass dies die Beschäftigung mit der vorhandenen Kunst befördere. Natürlich gäbe es hier das Urheberrecht zu beachten.

SCHLUSSWORTE

Frau Steinert-Neuwirth bedankte sich bei den Arbeitsgruppen. Sie wäre beeindruckt vom Engagement der Teilnehmer*innen und den Ergebnissen. Sie kündigte an, das Thema „Der öffentliche Raum als Kunst- und Kulturraum“ weiterhin aktiv im Kulturreferat mit den Ämtern sowie den Akteuren in der Stadt voranzutreiben.
Die Weiterentwicklung der städtischen öffentlichen Räume als Kunst- und Kulturräume ist nun Gemeinschaftsaufgabe.

Anne Reimann
(Kulturamtsleitung)

06.11.2019
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